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Reihe: Unerwünschte Bücher zur
Kirchen- und Religionsgeschichte Nr. 3

Giordano Bruno Guerri - Zwei arme Schweine auf dem Weg zum Himmel

Giordano Bruno Guerri

Zwei arme Schweine auf dem Weg zum Himmel

Wie Maria Goretti zur katholischen Heiligen wurde

Über den Autor

Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Fritz Erik Hoevels

216 S., 63 Abb., 2 Faks., 1 Übersichtskarte
EUR 16,-
ISBN: 978-3-89484-503-2
(ISBN-10: 3-89484-503-1)
Erschienen 1999

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Inhalt
  • Vorwort des Herausgebers
  • Vorwort des Autors
  • Erster Teil: PASSION
  • Zweiter Teil: MARTYRIUM
  • Dritter Teil: HIMMELFAHRT
  • Anhang

Gegen dieses Buch trommelte der Vatikan eine ganze Kommission zusammen !


Der Inhalt:
Am 5. Juli 1902 fällt im damals rückständigsten und ärmsten Winkel Italiens eine leicht entwicklungsretardierte Elfjährige einem Sexualverbrechen zum Opfer. Die Interessen Mussolinis und des Papstes verbinden sich eines Tages, und aus dem tristen alten Kriminalfall wird ein weltweit verbreiteter Mythos gesponnen ...


Der Verfasser:
Giordano Bruno Guerri (*1950) ist promovierter Sozialwissenschaftler und Dozent für Zeitgeschichte in Mailand; sein Spezialgebiet ist der italienische Faschismus. Außerdem ist oder war er Herausgeber mehrerer historischer Zeitschriften, Autor oder Leiter italienischer Fernsehprogramme sowie Cheflektor des angesehenen Verlagshauses Mondadori. Auf seinen Büchern Rapporto al duce (1978) und Galeazzo Ciano (1979) beruht der Film Io e il duce (»Ich und der Führer«), der in den USA als »bester ausländischer Fernsehfilm« prämiert wurde; seiner Biographie des Romanciers Curzio Malaparte L'Arciitaliano (»Der Erzitaliener«) wurde 1983 der Preis des Börsenvereins des französischen Buchhandels für »Das beste ausländische Buch« verliehen, seinem Buch Gli italiani sotta la Chiesa (1992) zwei Jahre nach Erscheinen der internationale Voltaire/Diderot-Preis.
    Von seinen zahlreichen Werken ist außer dem vorliegenden nur Ego te absolvo - Beichtstuhl-Protokolle (1995 bei Hoffmann & Campe) auf deutsch erschienen; Franzosen und Spaniern sind dagegen viele seiner Bücher schon lange in Übersetzungen zugänglich.




»Ein sehr lesenswertes Buch - auch und gerade für den aufgeklärten Atheisten, der nicht nur pauschal über den Dingen stehen, sondern den Machenschaften des Klerus Detailkenntnis ihres Funktionierens entgegensetzen will.«
MIZ - Materialien und Informationen zur Zeit





Vorwort des Herausgebers

Daß dieses Buch erst jetzt in Übersetzung vorliegt, ist eigentlich erstaunlich - in seinem Heimatland hat es seinerzeit so viel Aufsehen erregt, daß ausführliche Zeitungsartikel über seinen Inhalt, seinen Verfasser und jenes Aufsehen damals um die ganze Welt gingen und sicherlich für ausreichenden Absatz gesorgt hätten.
     Vielleicht war die Lokalbezogenheit des Gegenstandes daran schuld, vielleicht auch die nicht geringen graphischen Probleme, die aus ihr mittelbar resultieren: Guerri, dem es gerade um die Herausarbeitung dieses Lokalbezuges und des zeitgeschichtlichen Hintergrundes geht, führt unendlich viele Dialekt- und Slangausdrücke, lokale Redewendungen usw. in seinem Text vor, die er ebenso wie zeitgenössische Neologismen oder gruppenspezifische Sondersprachlichkeiten kursiv setzt, wodurch für Übersetzer und Herausgeber mancherlei Probleme auftauchen, auf die unten näher eingegangen wird. Aber daß dieses technische Hindernis die weltweite Verbreitung des beispielhaften Buches bisher dermaßen behindert hat, bleibt doch verwunderlich.
     Denn daß ein leibhaftiger Papst eine hochoffizielle Skribententruppe gegen ein einzelnes Buch zusammentrommeln läßt - nur so kann eine solche vatikanische Kommission zustandegekommen sein - , ist nicht nur ein Novum und bisheriges apax der gesamten Kirchengeschichte, dem nur aus Mittelalter und Reformationszeit einige ungenaue Analogien zur Seite zu stellen sind, das muß etwas mit den Qualitäten des attackierten Buches zu tun haben: auf Spatzen richtet das größte, noch dazu mit einem nominell und noch dazu in mancher Hinsicht auch asymptotisch-faktisch unfehlbaren Führer ausgestattete Wirtschaftsunternehmen der Welt, das die katholische Kirche ja auch und in mancher Hinsicht sogar vorrangig ist, seine Kanonen gewiß nicht. Der Grund für dieses aufwendige Unternehmen - dessen beckmesserischen bis verlogenen Charakter und dessen substanzielle Jämmerlichkeit der geduldige Leser in den kleingedruckten Seiten hinter dem Haupttext dieses Buches in extenso belegt finden kann - liegt einerseits in der Sorgfalt, die Guerri seinem Forschungsgegenstand zuteil werden läßt, andererseits an dessen Exemplarität. Wer mit der Hilfe des vorliegenden Werkes beobachtet und nachvollzogen hat, wie das fast persönlichkeitslose, kindliche Opfer eines tristen und dumpfen Sexualverbrechens zur katholischen Heiligen, d. h. zum kirchlich empfohlenen Kultobjekt mit übernatürlichen Eigenschaften, zur handfesten posthumen Wundertäterin mutiert werden konnte, der hat über Gehalt und Wesen, Vorgehen und Funktionieren der dahinterstehenden religiösen Organisation erheblich mehr erfahren und begreifen können, als ihn viele Bücher mit breiterem Zugriff und abstrakterer Themenstellung hierzu hätten lehren können.
     Die Eigenart des Stoffes bringt es mit sich, daß die innere Struktur dieses Buches außerordentlich an diejenige 'Tristram Shandys' erinnert - wer sowohl dieses fiktionale Meisterwerk des englischen Humors kennt als auch, nach der folgenden Lektüre, die reale und leider ganz humorlose Geschichte der unglücklichen Maria Goretti, der virtuellen italienischen Unterschichts-Zwillingsschwester jenes herumgestoßenen und stummen englischen Oberschichtskindes, wird erfaßt haben, warum das gar nicht anders sein kann - , nur ist der vorliegende Stoff aus trüber Wirklichkeit noch entschieden banaler und trauriger. Aber alle beide bestehen sozusagen ausschließlich aus dem, »was man aus ihnen macht« - einmal der souverän erfindende Dichter zu Unterhaltung und Belehrung, einmal der verschachtelte Apparat einer riesigen Organisation zu deren eigennützigeren Zwecken.
     Daß an einem sogenannten Heiligen persönlich »nichts dran« ist, weder Gutes noch Böses, kein Verbrechen dahintersteckt wie bei Petrus von Verona, Johannes von Capestrano und Alojzije Stepinac oder, seltener, ein wahrhaft achtbarer Mensch wie Nikolaus von Cues, kein Märtyrer, kein pathologischer Fall und nicht einmal ein erfolgreicher Ideologe, Kirchen- oder Ordensfunktionär, ist in der Kirchengeschichte schon öfter vorgekommen, etwa bei jenem ebenfalls zur Bindung bäuerlicher Loyalität im Rahmen der Gegenreformation zum Heiligen aufgedonnerten Isidor (nicht dem Kirchvater), der uns sogar auf diesen Seiten einmal flüchtig begegnen wird. Bei all diesen Un- bis Viertelpersonen ist die Heiligsprechungsgeschichte um viele Zehnerpotenzen interessanter als der dürftige bis schemenhafte, ihr fast willkürlich zugrundegelegte »Fall«.
     Nun ergibt sich aber bei Maria Goretti im Gegensatz zum hochmittelalterlichen »Isidor dem Landmann«, über dessen Person man schon zum Kanonisationszeitpunkt »fast gar nichts mehr wußte«, jene durch die aufgrund der modernen Techniken explosiv gestiegene Datenfülle erzeugte Lage, auch das relative Nichts sozusagen sichtbar machen zu können, eben durch die Vielfalt der zur Verfügung stehenden Folien. Ähnlich wie bestimmte Pflanzen des Waldbodens eine größere Lichtmenge kümmern bis verdorren läßt, vertragen auch Heilige dieses obskuren Typs eine entsprechende Beleuchtung nur schlecht, und sicher hat der Kirche schon aus diesem Grunde das Mittelalter besser gefallen als das letzte Jahrhundert und manche Jahrzehnte danach. Aber die Nutzung jener neuerdings verfügbaren Datenmengen zu jener Beleuchtung des Objekts (und Durchleuchtung der an es anknüpfenden Prozesse) ist mühsam, wird bei Wahrheits- statt Konformitätsorientierung schlecht bezahlt, selten gewürdigt und gerne von interessierter Seite schlechtgemacht. Im Gegensatz zu der erdrückenden Mehrzahl seiner Kollegen ist G. B. Guerri ihr nicht ausgewichen und hat ein beispielhaftes Werk geschaffen; dafür schulden wir ihm Dank - und beim Lesen einen kleinen Teil jener Geduld, die er beim Schreiben und dem mühsamen Zusammentragen des Hintergrundmaterials aufbringen mußte. Es lohnt sich.

Fritz Erik Hoevels



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