weiter zurück

Reihe: Unerwünschte Bücher zur
Kirchen- und Religionsgeschichte Nr. 7

Leo Kaplan - Die göttliche Allmacht

Leo Kaplan

Die göttliche Allmacht

Die religiöse Zentralphantasie im Lichte der Psychoanalyse

Herausgegeben und eingeleitet von
Fritz Erik Hoevels

Mit einem Nachwort desselben:
»Kaplan und die moderne Neurotheologie«

156 Seiten, mit Literaturverzeichnis
Mit einem ethnologischen und anderen Spezialregistern
EUR 12,50

ISBN: 978-3-89484-603-9
(ISBN-10: 3-89484-603-8)
Erschienen 2006


Um zu bestellen, klicken Sie hier
 
Die Versandkosten stehen hier

Leo Kaplan (geb. 1876 in Rußland - gest. 1956) war einer der wenigen unabhängigen Schüler Freuds, die sowohl Mystizismus wie biologiefeindliche Verflachung lebenslang zu meiden wußten.

Von seinen zahlreichen Werken sind diejenigen, welche Freuds Lösung des Rätsels der Religion festigen und erweitern, sicherlich die wertvollsten. In dem vorliegenden Buche erweist Kaplan den Hochgott der Religionen nicht nur als Erben und Echo des frühkindlich erlebten Vaters (dessen Gestalt dann gesellschaftlich von Priesterschaften u.ä. standardisiert wird), sondern auch der eigenen Säuglingsexistenz und Säuglingsphantasie.


Inhalt
  • Siglen
  • Vorwort des Herausgebers
  • Vorwort des Autors
  • I    Gott-Allmacht
  • II   Der weltfremde Gott und die Introversion
  • III  Der Animismus
  • Nachwort des Herausgebers
    Von Kaplan zur "Neurotheologie" unserer Zeit
  • Register der Stämme und Kleinvölker
  • Register der Götter und Heiligen
  • Namensregister
  • Literaturverzeichnis



Vorwort des Herausgebers


Das Rätsel der Religion hat die besten Geister immer wieder beschäftigt: obwohl ihre Inhalte haltlos, ja kindisch sind, werden sie dennoch geglaubt, und zwar ziemlich unabhängig von der Intelligenz und Bildungshöhe der von ihr Befallenen – wie ist das möglich? Und woher kommen diese Inhalte?
    Die nächste Auskunft bietet in offenkundiger Weise die Gewalt : ihre religiösen Ansichten haben die Kinder allesamt in mehr oder weniger grober Weise aufgenötigt bekommen, und die damit beschäftigten Erwachsenen haben dabei keinen Spaß verstanden. »Wenn nämlich dem Menschen in früher Kindheit gewisse Grundansichten und Lehren mit ungewohnter Feierlichkeit und mit der Miene des höchsten, bis dahin von ihm noch nie gesehenen Ernstes wiederholt vorgetragen werden, dabei die Möglichkeit des Zweifel. daran ganz übergangen, oder aber nur berührt wird, um darauf als den ersten Schritt zum ewigen Verderben hinzudeuten; da wird der Eindruck so tief ausfallen, daß, in der Regel, d.h. in fast allen Fällen, der Mensch fast so unfähig seyn wird, an jenen Lehren, wie an seiner eigenen Existenz, zu zweifeln; we.halb dann unter vielen Tausenden kaum Einer die Festigkeit des Geistes besitzen wird, sich ernstlich und aufrichtig zu fragen: ist das wahr? (...) So stark demnach ist die Gewalt früh eingeprägter religiöser Dogmen, daß sie das Gewissen und zuletzt alles Mitleid und alle Menschlichkeit zu ersticken vermag.«1
    Bei diesen und ähnlichen Anlässen fällt den klügeren Kindern durchaus auf, spätestens wenn sie größer werden und ihre Erinnerung nicht verloren haben, wie die Religion als eine ihrer auffälligsten Wirkungen die Moral der Erwachsenen herabsetzt : auch solche, die aufgrund ihres erreichten moralischen Niveaus sich an anderen Stellen sehr wohl »ein Gewissen machen würden«, ihre oder überhaupt Kinder zu belügen, empfinden dies bei religiösen Gegenständen, an die sie selbst nicht glauben, auf einmal nicht mehr, und wenn die gleiche, an ihnen sonst kaum beobachtbare Skrupellosigkeit im Lügen doch wieder zu beobachten ist, so stets oder wenigstens auffallend regelmäßig im Zusammenhang mit Gegenständen, die eine erkennbare Verbindung zur Religion aufweisen, etwa dem Christkind, dem Osterhasen oder dem Weihnachtsmann. Und daß die Religion mit der menschlichen Moralität im offenen Krieg liegt und sie nicht nur hinsichtlich der Bereitschaft zur Lüge, sondern auch zur Gewalt verblüffend leicht und regelmäßig lahmlegt, beweisen genügsam die neolithischen Menschenopfer und alle ihre Nachfolgeunternehmungen bis hin zu den routinemäßigen Massenmorden kroatischer Franziskaner unter der von ihrer Kirche getragenen und von der Hitlerarmee militärisch geschützten Ustascha-Regierung an Hunderttausenden von Serben und Juden; von der berüchtigten Fast-Ausrottung dieser angeblichen, anthropologisch nie verifizierbaren Rasse, auf jeden Fall aber dem Christentum besonders verhaßten durchhaltefähigen Minderheitsreligion wollen wir gar nicht erst anfangen, das Feuermeer der Scheiterhaufen braucht zur Erkennbarkeit seines moralischen bzw. eben moralwidrigen Charakters keine episodische Zyklon-B-Verstärkung. Und könnte eine ernsthaft religionsneutrale Grundlage den Scheußlichkeiten etwa des Saudi-Arabiens oder Irans unserer Gegenwart, in welcher dieses wertvolle Buch nachgedruckt wird, insbesondere der systematischen Folterung und Ausmordung der landeseigenen Bahai-Minderheit und der massenhaften sadistischen Tötung vieler eigener und persönlich vertrauter Frauen, bei den Tätern ohne religiöse Anstiftung so wenige Gewissensbisse hinterlassen, ihre moralischen Kriterien also derartig herabsetzen? Der positive Zusammenhang zwischen Religion einerseits, Lüge und Gewalt andererseits ist evident und schon vielen Menschen aufgefallen, so sehr die zugunsten der Religion gesellschaftlich etablierte Gewalt, von den »Ketzergesetzen« bis zum »Gotteslästerungsparagraphen«, sie jahrhundertelang hartnäckig daran zu hindern suchte und sucht, dieser ihrer Beobachtung angemessenen Ausdruck zu verleihen.
    Erkennt man die Gewaltgrundlage der religiösen Lügen aber einfach an, vom vagen »sozialen Druck« und der »emotionalen Erpressung« durch nahe Angehörige bis hin zur juristischen Diskriminierung und Ermordung, je nach Zeitalter und sozialer Position des Individuums, so scheint sich auf der Basis der Festinger’schen »kognitiven Dissonanztheorie« das Rätsel der Religion einigermaßen leicht lösen zu lassen, jedenfalls dasjenige, warum sie trotz offenkundiger Realitätswidrigkeit, erkennbarer Willkürlichkeit, d.h. empirischer Unfundiertheit ihrer Aussagen sowie auch allerhand immanenter logischer Brüche dennoch geglaubt wird. Gewalt und sozialer Druck erklären in der Tat viel, auch in den primitivsten, »klassenlosen« Gesellschaften, die trotz aller Idealisierung durch viele ihrer Entdecker und noch mehr durch deren Leser oft, wenn nicht immer, randvoll sind von gesellschaftlichem Druck und latenter bis offener Gewalt – es ist eine anerkennenswerte Leistung Frans de Waals, gezeigt und ausgesprochen zu haben, daß schon der Affe in der Horde »nicht frei« ist. An Gewalt, in entwickelten Gesellschaften auch an institutionalisierter, ist bei der Weitergabe irrationaler und daher auch religiöser Vorstellungen von Anfang an kein Mangel, und wer klug genug ist, Festinger ernster zu nehmen als diesem gepaßt hätte, kann von dessen Funden aus den Glauben an die Behauptungen der Religion sehr gut verstehen. Nur höchst selten gedeihen Religionen ohne die direkte und massive Unterstützung der Machthaber, welche den ihnen Unterworfenen drastisch viel Geld oder dessen Analoga abnehmen, um den Trägern ihnen genehmer Religionen die eindrucksvollsten Bauten und mancherlei mehr hinzustellen ; nur sehr selten und wenig eindrucksvoll entstehen diese dadurch, daß Freiwillige – und das ungestört von staatlich gestütztem Geschrei und Schikanen! – ihr Geld als Kultverein zusammenlegen, um dadurch Riten und Phantasien ihrer Wahl eine Heimstatt zu kaufen, obwohl nach dem idealisierten Zerrbild unserer Gesellschaft als gewaltlos »pluralistischer« durch unsere Sozialkundelehrer und sonstige Medien eigentlich nichts anderes der Fall sein dürfte. Aber jeder weiß, daß die Ehe von Gewalt und Religion, während einer gewissen langen, langen Epoche »Thron und Altar« genannt, so fest hält wie die Symbiose von Pilz und Alge bei den meisten Flechten.
    So wäre also das Rätsel der Religion ganz einfach erklärt durch die funktionale Theorie des Psychologen Festinger, und der Beitrag der Psychoanalyse, dessen wenig bekannten Schlußstein ich in dieser Neuausgabe der Öffentlichkeit wieder zugänglich machen will, wäre überflüssig und damit wertlos? – Die nächste Überlegung zeigt den Fehler in dieser Vermutung.
    Denn auch die selbstherrlichsten Gewalthaber haben die religiösen Vorstellungen ja nicht erfunden oder, wie heutzutage deren Nachfolger für den propagandistischen Tagesbedarf, von bezahlten Spezialisten »designen« lassen ; wohl haben sie oft Einfluß auf sie genommen, aber im Normalfall haben sie sie vorwiegend vorgefunden, wobei sie die Nützlichkeit oder Gleichgültigkeit, wenn nicht Schädlichkeit einzelner Vorstellungsteile dieser irrationalen Komplexe für ihre Herrschaft im Einzelfall oft kaum beurteilen konnten, sondern gewöhnlich mit einer Mischung von Sympathie, Detailempirismus und isolierter Ad-hoc-Überlegung vorgingen – da ließ sich der König taufen mit allem Volk, aber das ist nur ein besonders klar hervortretender Markierungs- und Wendepunkt in der praktischen Religionsgeschichte, hinter jedem Tempelbau und jeder anderen religionserhaltenden Kostspieligkeit oder gewaltförmigen (legislativen) Begünstigung oder auch Diskriminierung stecken ähnliche Prozesse. Und keine Herrschaft, auch die blutrünstigste nicht, versucht dauerhaft Vorstellungen zu erzwingen, die nicht an psychologisch massenhaft Vorhandenes anknüpfen können und dadurch relativ gewaltarm, d.h. kostengünstig in den Köpfen zu verankern sind. Wir haben dies in unseren Tagen beispielsweise an der weltweiten Kriegspropaganda der USA unmittelbar beobachten können: die »Brutkastenbabys« ebenso wie die »Massenvergewaltigungen« entbehrten zwar ebenso jeder Realität gerade so wie etwa die Transsubstantiation des Weines im Dionysoskult oder dem auf ihm aufbauenden Ritual der Christen, aber bevor sie in den »Medien« unserer Gewalthaber verbreitet wurden, hatten diese sorgfältig durch Massenumfragen, also die Ermittlung psychischer Prädispositionen, herausfinden lassen, welche Behauptung über einen militärischen Gegner, den es anzugreifen gilt, den größten Abscheu erzeugt und zugleich als potentiell real empfunden wird. Die Gewalthaber früherer Zeiten konnten diese Umfragen nicht machen, sie waren für den gleichen Zweck auf ihren Instinkt bzw. denjenigen ihrer »Ratgeber« angewiesen; aber das Ergebnis war ganz ähnlich, und die empirisch-historische Verteilung und der Bestand sowie die Elaboration der Religionen seine auffälligste Folge.
    Diesen psychischen Kern der Religionen herausgefunden zu haben, das also, was die Disposition zu ihrer Haftung in den Köpfen (oder »Seelen«) abgibt oder herstellt – bzw. den individuellen Rohstoff, aus dem sie gesellschaftlich erschaffen, geknetet und vereinheitlicht worden sind –, ist das Verdienst Freuds, so sehr Marx und Engels sich vor ihm – und vorschnell! – dieser Leistung schon gerühmt hatten. (Tatsächlich löst ihre Forschung nur das Problem der historischen Unterschiede und Ausformungen der Religionen, im Ansatz vielleicht auch noch ihrer Förderung durch die Machthaber, aber keineswegs dasjenige der Herkunft ihrer doch so wesentlichen phantastischen Grundlagen und deren subjektiver Haftung, was bei einem so aufdringlich subjektiven Phänomen doch das wichtigste sein muß.) Die phantastische Folge durchschnittlicher Infantilsituationen in ihrer ganzen qualvollen Ausweglosigkeit undWucht, die zu wieder aufsteigenden Phantasien gerinnenden Folgen des durch Verdrängung der erinnernden oder gar aktuellen Wahrnehmung entzogenen Ödipuskomplexes eben, der sich als schwer vermeidbare Folge der infantil erlebten Familiensituation einstellt, wurde von Freud endlich als die Grundlage der religiösen Vorstellungen und des ganzen sie umrankenden Komplexes von Riten, Ängsten und Sekundärphantasien erkannt, welcher dann zu indirekten oder sofort erkennbaren Herrschaftszwecken weitergeformt und gefestigt werden kann. In den Mittelpunkt seiner entsprechenden, in ›Totem und Tabu‹ vorgestellten Analyse hat Freud dementsprechend – in Gestalt des Opferritus – die verpönte und als Wunsch geleugnete und maskierte Vatertötung gestellt, die von den paläolithischen rituellen Tötungen eindrucksvoller, in genealogische Beziehung zur eigenen Verwandtschaftsgruppe gebrachten Jagdtieren bis zu den Kultmählern (oder deren fetischistischen Ersätzen) der Christen reicht – und natürlich die Gottesphantasie selbst, die das infantile Erleben des wirklichen, körperlich so viel größeren eigenen Vaters in der Familie in entsprechenden Figuren auf Berggipfeln oder sogar oberhalb derselben fortsetzt. Dabei blieb diejenige Seite der Opferriten, welche vom anti-ödipalen Präventivschlag abzweigt (der als vom gleichgeschlechtlichen Elternteil drohend nicht ganz ohne Berechtigung unbewußt gefürchtet wird), zunächst einmal unberücksichtigt, wie das bei Pionierleistungen normal und vielleicht unvermeidlich ist ; diese Lücke hat wenige Jahre später mustergültig Freuds Schüler Theodor Reik gefüllt (dessen entsprechende Leistung der nächste Band dieser Reihe wieder zugänglich machen soll). Aber der Stoff, aus dem die Götter sind, erschöpft sich damit noch nicht ganz.
    Wieder hat Freud in seinem genannten Pionierwerk auch die Grundlage zu der noch fehlenden Ergänzung seiner zentralen Religionstheorie selber gelegt : in der Würdigung des – nach Frazer benannten – »magischen Denkens« als einer Entwicklungsstufe nicht nur des menschlichen Denkens (wogegen aus durchsichtigen Gründen die gesamte einschlägige Professorenschaft unserer Zeit Sturm läuft und in ihrer auffällig wilden Kritik des »Evolutionismus« allzu viele Kinder mit dem Bade ausschüttet), sondern auch, aus sowohl physiologischen wie situationsbedingten Gründen, des Individuums. (Den Nachweis dieser Stufe und ihrer Fortwirkung hatte Freud die Psychoanalyse individueller Störungsphänomene ermöglicht; seine Schilderung und Verallgemeinerung füllt den Mittelteil von ›Totem und Tabu‹, wobei wir Freuds Comte/Hegel’schen Optimismus bezüglich der Menschheitsentwicklung nicht zu übernehmen brauchen – unsere eigene Zeit erlebt den Zusammenbruch des wissenschaftlichen ebenso wie die Rückkehr des magisch-religiösen Denkens gerade so wie die europäische Spätantike.)
    Diese Würdigung und volle Nutzung der Einsichten Freuds in die Wirkungsweise und den untergründigen lebenslangen Fortbestand der »magischen Entwicklungsstufe des Denkens« erbrachte die letzte noch fehlende Einsicht in das Wesen und Funktionieren der Gottesphantasie : der Gott aller Religionen und Philosophen ist nicht nur das phantastische Abbild des infantil-ödipal erlebten Vaters, sondern auch die Verlängerung der subjektiven eigenen Säuglingsexistenz, er beerbt sozusagen Vater wie Säugling gleichermaßen!
    Dies herausgearbeitet und damit erst das restlose Verständnis aller religiösen Vorstellungen ermöglicht zu haben ist das Verdienst Leo Kaplans. Seine entsprechenden Ausführungen bilden das vorliegende Buch, jene neben derjenigen Reiks unverzichtbare und abrundende Ergänzung von ›Totem und Tabu‹. (Beispielsweise hat es meine eigene Lösung der Frage, wie die Vorstellung einer Unsterblichkeit des eigenen Individuums zustandekommen kann [in : System ubw 1/1992], sehr erleichtert – die reine Wunschphantasie leistet derlei keineswegs.) Trotzdem wurde es zu Lebzeiten des Autors kaum beachtet, und auch danach ist es bedauerlicherweise ungenutzt geblieben.
    Der Grund dafür liegt mindestens teilweise in der Person seines Verfassers: als C. G. Jung die Psychoanalyse beinahe demoliert und zu einer Art harmlos-unfalsifizierbarer Spinnerei ohne sexualpolitischen Sprengstoff für beschäftigungslose, aber eitle und feige Wohlhabende degradiert hatte, hielt sich Kaplan, der in Zürich wohnte und sein Geld verdiente, aus dem für das Überleben der psychoanalytischen Wissenschaft unvermeidbaren Fraktionskampf heraus und machte in der Folge aus dieser Not die Tugend der »Unabhängigkeit« und die Basis mancher unhaltbaren theoretischen Eigenbröteleien. Freuds Organisation, ohne welche die Psychoanalyse nicht bis wenigstens 1933 bzw. 1938 hätte bestehen können (wie weit ihre weiter reichende Fortsetzung noch als Fortbestand gelten kann, ist kontrovers, aber die Hitlerei im nahezu ganzen Kontinent der Aufklärung und Arbeiterbewegung ist auch in der Tat schwer zu überstehen), rächte sich für dieses persönliche Versagen durch weitgehendes Schweigen, und für die Jungianer war Kaplan um Lichtjahre zu rational ; die restliche bürgerliche (oder kommunistische, die existierte ja noch) Öffentlichkeit hatte natürlich für eine auf psychoanalytischer Basis gewonnene Erklärung ideologischer Phänomene gar kein Interesse, zumal sie ja auch die Aussagen der organisierten Psychoanalyse ausschließlich deshalb nicht ignorierte, weil sie sie aufgrund besagter Organisation und deren Echo in einer damals noch verglichen mit heute unvorstellbar freieren und daher unruhigeren kleinbürgerlichen Intelligenz nicht ignorieren konnte. Nur Wilhelm Reich würdigte, selber gehetzt und gejagt, isoliert und bald durch diese geistige Isolation auch persönlich geschädigt, Leo Kaplan in seiner Sex-Pol-Zeitung, einer Ein-Mann-Exilzeitschrift, zu dessen sechzigstem Geburtstag. Gehetzt und gejagt war Kaplan in seiner derzeitigen Schweizer Rechtsstaatsinsel freilich nicht.
    So hat dieses Buch, das wahrscheinlich wertvollste, weil von allen perxiv sönlichen Abwegigkeiten freie und auf angenehme Art die Bildung seines Verfassers spiegelnde Werk, seinen Platz im geistigen Waffenschrank des gesellschaftlicher Bevormundung und Verbiegung entstrebenden Denkens noch nie finden können. Da dies eine deutliche Lücke läßt, die noch kein anderer Wissenschaftler füllen wollte, ganz abgesehen von den Prioritätsrechten, mache ich es hier der interessierten Öffentlichkeit wieder zugänglich.

.—.

Vielen Lesern wird dieses Buch »altertümlich« vorkommen, weil es ausführlich und liebevoll aus großem Kenntnisfundus belegt. Das ist zwar inzwischen nicht mehr »Mode«, weil es nicht mehr bezahlt wird (nämlich den Uni-Mandarinen, Professoren also), und die ganze seriöse Ethnologie wird allmählich ein versunkener Kontinent, der durch politische Kontinentaldrift linientreu unter Wasser geraten ist; gerade solche Neuausgaben wie die vorliegende vermögen aber die als »Positivismus« verbellten, durch Zeugenaussagen und -niederschriften gesicherten Fakten zu retten. Darum enthält diese Ausgabe auch einen ethnologischen Index; es wird ja immer schwieriger, sich vorkoloniale Gesellschaften außerhalb des eurochinesischen Raums vorzustellen, gar zu vergegenwärtigen. Man braucht eben, und zum Glück, eine gewisse Ruhe, um die weniger als heute gleichgeschalteten Bücher einer besseren Zeit lesen zu können.
    Einige fehlerhafte Zitate und Seitenangaben wurden stillschweigend korrigiert. Ebenso wurden Syntax und Zeichensetzung bisweilen vorsichtig modernisiert, Abkürzungen vereinheitlicht. Die Verifikation aller Zitate erwies sich allerdings als undurchführbar. Außerdem wurde Kaplans Zitierweise der heute üblichen (und auch wirklich praktischeren) angeglichen. Hierbei bedaure ich wieder, daß ich meinen Helfern, die sich schon im vorangegangenen Buch dieser Reihe Verdienste erwarben, besonders R. H. und C. N., in einem Unrechtsstaat nicht öffentlich danken kann – Unrechtsstaaten spätestens seit Sulla kennen ja eine Art »Kontaktschuld«.


Fritz Erik Hoevels

1 Aus: A. Schopenhauer, Parerga u. Paralipomena II, cap. XV, § 174. Ein Dialog.



AHRIMAN-Verlag GmbH
Postfach 6569, D-79041 Freiburg
Stübeweg 60, D-79108 Freiburg
Telefon +49-(0)761-502303
Telefax +49-(0)761-502247
Impressum
AGBs