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Reihe: Unerwünschte Bücher zur
Kirchen- und Religionsgeschichte Nr. 10

Peter Priskil - Die Karmaten

Peter Priskil

Die Karmaten

oder: Was arabische Kaufleute und Handwerker schon vor über 1000 Jahren wußten: Religion muß nicht sein

Über den Autor

432 Seiten, 2. Aufl., mit 3 Karten, Orts- und Personenregister, Literaturverzeichnis und Glossar
EUR 24,80

ISBN: 978-3-89484-606-0
(ISBN-10: 3-89484-606-2)
Erschienen 2007


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Die Karmaten, eine Ketzerbewegung im islamischen Frühmittelalter, gründeten den ersten religionslosen Staat der Weltgeschichte – kein Wunder, daß kaum jemand sie kennt. Nur hinter vorgehaltener Hand und mit gebührendem Schauder wissen wenige Kundige zu berichten, daß die Karmaten bei einem Überfall auf Mekka den Schwarzen Stein der Kaaba raubten, den höchstrangigen Fetisch der von Mohammed begründeten Religion. Noch spektakulärer ist jedoch die Tatsache, daß der karmatische Staat doppelt so lange Bestand hatte wie die Sowjetunion und so übel beleumundet war (und ist) wie diese. Die Karmaten nahmen ihren Ausgang im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, und ihr Gründer Hamdan Qarmat war dem Kalifen so verhaßt wie Saddam Hussein dem US-Präsidenten. Zum ersten Mal seit über 100 Jahren, erstmals in deutscher Sprache überhaupt, werden alle verfügbaren, sorgsam in klerikalen oder akademischen Giftschränken verwahrten Quellen über die Lehre, Organisation und Geschichte der Karmaten vorgeführt und ausgewertet.

Mit einem Anhang: »Die drei Betrüger: Moses, Jesus und Mohammed« (De tribus impostoribus) – eine Religionskritik der frühbürgerlichen Revolution (»Humanismus«) auf der Basis ar-Razis (864–935), die jetzt, in der globalen neobyzantinischen Dekadenz, schon wieder »undenkvoll« geworden ist.


Inhalt

  • Einleitung
  • Prolog: Das Massaker von Mekka
  • Die Lehre
    • Die Ismailiya
    • »Philosophie« und Wissenschaft
    • Die drei Betrüger Moses, Jesus und Mohammed
    • Der Fall Halladsch – ein Exkurs über die islamische Mystik
  • Die Organisation
  • Die Geschichte
    • Der Aufstand der Zandsch
    • Hamdan Qarmat und die Anfänge
    • Die Staatsgründung in Bahrain – Abu Said und Abu Tahir
    • Der Reisebericht des Nasir-i Khosrou
    • Höhepunkt und Niedergang
  • Epilog: Assassinen und Karmaten – zwei unheimliche Brüder
  • Anhang: Kurzes Kompendium über die Drei Betrüger der Welt
    Mose, Christus und Mahumet
  • Glossar
  • Personenregister
  • Register der Orte, Regionen und Länder
  • Literatur




Rezensionen

»Von diesem Buch lässt sich zu Recht sagen, dass es eine gewaltige Lücke füllt, nicht nur historischer Art, sondern auch beim Publikum, wie die in kurzer Frist erfolgte 2. Auflage beweist...«
Aus der Buchrezension von Einar Schlereth
(http://www.tlaxcala-int.org/article.asp?reference=2957)



Einleitung

Es ist kaum glaublich, was sich da alles auf dem Wege der Ideenvererbung an impertinentem Schwindel in einem angehäuft hat. – Und siehst du, dieses systematische Ausjäten von Unkraut in mir nenne ich die Gründung eines neuen – Staates.


Gustav Meyrink, Das grüne Gesicht

Bei einem Vortrag zum Thema »Steht das Rückgrat rechts? – Eine sozialpsychologische Meditation« an der Karlsruher Universität im Mai 1989 erwähnte der Referent Fritz Erik Hoevels beiläufig den Aufstand der Zandsch, der Negersklaven im Südirak am Ausgang des 9. Jahrhunderts, der zur Gründung eines revolutionären Staates von leidlicher Stabilität und einer Dauer von immerhin etwa eineinhalb Jahrzehnten führte. Dieser Verweis erklärt sich aus den Zeitumständen: Die militärisch niedergerüstete, mit präzisen atomaren Erstschlagswaffen umzingelte Sowjetunion taumelte ihrem würdelosen Untergang entgegen; gerade noch ein halbes Jahr, und der »Ostblock«, die Gemeinschaft jener Staaten, die das Erbe von Marx und Lenin zu vertreten und fortzuführen vorgaben, sollte Geschichte sein – für immer. Angesichts dieses sich abzeichnenden kläglichen Scheiterns eines Menschheitsexperiments, das siebzig Jahre zuvor so kraftvoll begonnen hatte, stellte sich natürlich die Frage, was in ein, zwei Generationen von ihm noch im Gedächtnis der Menschheit, nun vom US-Militärstiefel getreten und weltweit der enthemmten Herrschaft des Monopolkapitals ausgeliefert, verbleiben würde. Wir kennen heute die Antwort, und der Referent hatte sie seinerzeit schon gegeben. Er wies auf den auffälligen Tatbestand hin, daß die Rechte, die politische Reaktion, die Dunkelmännerei, die ihre Herrschaft auf Irrationalität, Ungleichheit und Fremdbestimmung gründet, sich in der Verfolgung ihrer finsteren Ziele durch eine bemerkenswerte Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit auszeichnet, während ihr historischer Widerpart, die Linke, diese Eigenschaften vermissen läßt und sich durch Zaghaftigkeit, Inkonsequenz, mangelnde Disziplin, fehlenden Übersichtswillen und ein schlechtes Gedächtnis »auszeichnet«. Die katholische Kirche etwa hält ihre zweifelhaften Märtyrer in Ehren und haut sie einem bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit um die Ohren, während ein Holbach oder Hébert, ein Vanini oder Étienne Dolet, ein Ockham oder Abaelard, ein Lukrez oder Demokrit ein völlig unverdientes Schattendasein fristen. Zum Beleg dieses tristen Sachverhalts diente eben der Verweis auf die Zandsch: Wer wisse denn, fragte der Vortragende, heute noch von ihrem Kampf und Schicksal, wer kenne dieses Experiment der Freiheit, das, erstaunlich genug, im islamischen Frühmittelalter erprobt wurde? Nun, die Frage war eher rhetorisch: niemand wußte Bescheid. – Die Sieger schreiben die Geschichte, während sich die Beherrschten mit der Maxime zufriedengeben sollen (und dies leider meist auch tun): »Friß deine Knackwurst, Sklav', und halt dein Maul.« – »Aber«, so muß man wie Arno Schmidt zusammen mit dem deutschen Aufklärer Wieland fragen, »ist das nicht irgendwie unbefriedigend?«
    Mit den Zandsch war das entscheidende Stichwort gegeben, das schließlich zur Entstehung dieses Buches führte. Es wäre müßig und ermüdend, alle Stationen bis zu seiner Vollendung nachzuzeichnen, und so mögen hier wenige Andeutungen genügen. Am Anfang stand der Griff zum Lexikon, einem Nachschlagewerk der mittlerweile schon nicht mehr existenten DDR, das aus naheliegenden Gründen mehr und bessere Auskünfte versprach als seine westdeutschen Pendants. Im 3. Band der ›Weltgeschichte‹ 1 fand sich folgender Satz: »Mit gewissen Einschränkungen war der Aufstand der Sindsch [Zandsch] in der Geschichte der Länder des Kalifats ein progressives Ereignis.« Na ja, das klang blutleer, hölzern und phrasenhaft wie so viele spät- und nachstalinistische Geschichtsbücher, und die Gedanken schweiften ab. Gab es nicht in Mexiko eine Partei mit dem paradoxen Namen »Institutionalisierte Revolution«? Danach schmeckte jedenfalls dieser Satz. Immerhin enthielt der halbseitige Abschnitt einige Angaben, die eine erste Orientierung ermöglichten, aber ebenso viele dubiose Stellen, die einen ratlos zurückließen, wie etwa der folgende Satz: »Nachdem sich die Führer der Sindsch der fruchtbaren Länder bemächtigt hatten, wurden sie selbst zu feudalen Grundbesitzern.« Stimmte das? Wenn ja, dann war dies ja wohl die »Einschränkung« – wo blieb dann aber das »Progressive«? Wenig später vermeinte man von Mesopotamien nach Absurdistan zu gelangen, denn nun hieß es: »Die Führer der Sindsch kopierten genau die Staatsformen des Kalifats« – aber wozu hatten sie dann revoltiert, wogegen und wofür? Der Blick in die Literaturliste führte ebenfalls nicht weiter: die Primärquellen waren in arabischer, die Sekundärliteratur in russischer Sprache. Ich konnte nicht wissen, daß zu jenem Zeitpunkt ein Team von US-amerikanischen Orientalisten an der Übersetzung der Hauptquelle, dem Geschichtswerk des mittelalterlichen Historikers Tabari, arbeitete und es schließlich in 38 Bänden edierte. Ich stieß 15 Jahre später darauf, eher durch Zufall, und bei der Lektüre, die mich fesselte und mit zahllosen Informationen versorgte, wurde mir klar: Die Kompilatoren der DDR hatten dieses Werk nicht gelesen, sondern Zusammenfassungen davon, und in ihre Bewertung des Sklavenaufstands waren westliche Ideologeme mit eingeflossen: das waren die angeblichen »Einschränkungen« dieser Revolte, die man, als universitärer Angestellter eines »realsozialistischen« Staates, dennoch irgendwie »progressiv« finden mußte. – Sporadisches Stöbern führte mich irgendwann zu den ›Orientalischen Skizze‹ eines deutschen Gelehrten, der eine Blütenlese seiner Studien gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einem Band zusammengetragen hatte. Ein gnädiges Schicksal hatte einen Reprint dieser Ausgabe besorgt 2, die in einem Regal des Orientalistischen Instituts der Universität Freiburg ihrer Entdeckung harrte. Die Zandsch waren Gegenstand eines Aufsatzes, der in der besten Tradition des 19. Jahrhunderts ihre Kämpfe vorführte: sachlich kompetent, mit sprachlichem Vermögen und kräftiger Farbgebung, wenngleich dem Verfasser ein leichtes Unbehagen anzumerken war – er konnte nicht umhin, bei der Schilderung dieses frühen Aufstands an die sozialistische Internationale seiner Zeit zu denken, und von diesem nun in Europa wandelnden »Gespenst« versprach er sich nichts Gutes. Immerhin – die oft zu Unrecht geschmähte »bürgerliche Geschichtswissenschaft« hatte es zuwege gebracht, einen Zusammenhang zwischen diesen ersten Versuchen organisierter Selbstbefreiung und den Kämpfen der Arbeiterklasse 1000 Jahre später herzustellen, und da dies vor ihrer Indienstnahme zu imperialistischen Zwecken mit der unvermeidbar damit einhergehenden Dekadenz à la »Gibt es überhaupt eine historische Wahrheit?« geschah, ist ein lebendiges Porträt der Zandsch sogar in deutscher Sprache erhalten geblieben.
    Das Forschen nach diesen spärlich und mangelhaft überlieferten Berichten barg jedoch eine faustdicke Überraschung: Offensichtlich hatte es unmittelbar nach den Zandsch ein zweites Experiment der Freiheit und Gleichheit gegeben, das wesentlich radikaler, konsequenter und langlebiger war, ja, man glaubte es kaum, den ersten revolutionären Staat ohne Religion hervorbrachte, in einem Zeitalter blutiger Glaubensverfolgungen, 300 Jahre vor der eindrucksvollen, von der Catholica mit Stumpf und Stiel ausgerotteten Bewegung der Katharer. Dieser rare Lichtblick in der Finsternis des islamischen Mittelalters war mit dem Namen der Karmaten verknüpft. Was ließ sich über sie in Erfahrung bringen? In der bereits zitierten ›Weltgeschichte‹ der DDR fand sich ein Satz, der aufhorchen ließ: »Die Karmaten Bahrains besaßen keine Moscheen, sie verrichteten nicht die vorgeschriebenen Gebete und hielten auch die Fasten nicht ein. Sie verhielten sich äußerst tolerant gegenüber den Anhängern aller Glaubensbekenntnisse und Sekten, die sich unter ihnen angesiedelt hatten.« 3 Das war, wenn nicht mehr, so jedenfalls tausendmal besser als alles, was die Literatur im Westen zu bieten hatte (die in dubios-dunkelmännerischer Manier die Karmaten zu den »messianischen Bewegungen« rechnet 4); dieser schlichte Satz war, wie sich später herausstellte, die korrekte Wiedergabe von Worten eines zeitgenössischen Reisenden, der den karmatischen Staat 150 Jahre nach seiner Gründung besucht und darüber einen glaubwürdigen Bericht verfaßt hatte. Wie war diese Aussage aber mit dem folgenden Satz in Einklang zu bringen, der sich in demselben Nachschlagewerk befand: »Die Karmaten erkannten die Oberhäupter der Ismailiten, die Nachkommen Alis und Fatimas, als ihre obersten Führer an.« Hatten die Karmaten nun die Religion abgeschafft und einen revolutionären Staat regiert, oder waren sie ein Teil jener häretischen Bewegung geblieben, der Ismailiya, die sich aus der radikalen Schia entwickelt, aber alle Kennzeichen einer Religion beibehalten hatte? Dem galt es weiter nachzuspüren.
    Das war jedoch alles andere als einfach. Das Thema erwies sich als widerborstig, und es türmten sich zahlreiche Hindernisse auf, die ein näheres Verständnis bisweilen als unmöglich erscheinen ließen. Drei dieser Schwierigkeiten seien wenigstens kurz erwähnt.
    1. Es gibt keine Quellen von karmatischer Hand. Wir besitzen keine Nachrichten ihrer Wortführer oder Staatslenker, keine Chroniken, keine Berichte über ihre Feldzüge oder internen Auseinandersetzungen, die von einem Augenzeugen oder Mitkämpfer verfaßt worden wären. Das schmerzhafte Fehlen jeglicher authentischer Dokumente ist zum einen sicherlich auf den Umstand zurückzuführen, daß die Karmaten in ihren Anfängen als konspirative Organisation wirkten: Unter immensem Verfolgungsdruck, bei ständig drohenden Militärrazzien, Folterverhören und Massenhinrichtungen verfaßt man keine internen Protokolle über Sitzungen. Aber auch über die nahezu 180 Jahre ihrer staatlichen Existenz berichtet keine Urkunde, kein Erlaß, kein Historiograph in karmatischen Staatsdiensten, den es doch sicherlich gegeben haben muß. Auf den Karmaten lastet drückende Stille, zähes Schweigen verwehrt den Zugang, und dies kann nicht allein auf die Verheerungen der Mongolenstürme zurückgeführt werden. Vielmehr deutet alles darauf hin, daß nach dem Untergang des karmatischen Staates sämtliche Nachrichten in systematischen Kampagnen unterdrückt und ausgelöscht wurden ein unerbittliches Deleatur der siegreichen islamischen Orthodoxie und der ihr botmäßigen Machthaber. Liest man wissenschaftliche oder literarische Werke aus dem zeitlichen Umfeld der Karmaten, stößt man sehr selten und unvermutet auf verblüffende Hinweise. So hat etwa der Gelehrte al-Biruni (973–1048), der mit der erstaunlichen Notiz aufwartet, die Karmaten hätten ein Heiligtum im indischen Multan zerstört ein Buch über die Karmaten geschrieben (denen er mit Sicherheit nicht gewogen war) – es ist verschollen. 5 Blättert man im biographischen Lexikon des Ibn Challikan (1211–1282), hält man an folgender Stelle über den Schriftsteller und berühmten Schachspieler Abu Bakr as-Suli (†946) inne: »Er ist einer der bekannten Großen aus dem Bereich literarischer Gelehrsamkeit. [ ... ] As-Suli verfaßte bedeutende Werke, so zum Beispiel ›Die Wesire‹, ›Die Geschichte der Kalifen ar-Radi und al-Muttaqi‹, ›Die Bildung des Sekretärs‹, ›Die Biographie des Dichters Abu Tammam‹, ›Die Geschichte der Qarmaten‹ ... » 6 – auch dieses letztere Werk ist spurlos verschwunden.
    So bleiben, was die Karmaten anbelangt, nur die schriftlichen Hinterlassenschaften ihrer Gegner und Todfeinde: der bei den Kalifen in Lohn und Brot stehenden Geschichtsschreiber. Was die Zuverlässigkeit dieser Gewährsleute angeht, liegt auf der Hand: Es ist gerade so, als müßte man ein Buch über den Glauben und die Geschichte der Juden anhand der Inquisitionsakten schreiben. Bekanntlich quellen diese über von Ritualmorden, Hostienschändungen und sexuellen Exzessen der Inquisitionsopfer, und der Historiker sieht sich mit der mühseligen und unerquicklichen Aufgabe konfrontiert, unter diesem Wust der Legendenbildung, der Verleumdung, der von Haß getragenen Verzerrung, der projektiven Zuschreibung jenes Körnchen Wahrheit herauszuschälen, das diesen schrillen Entgleisungen zugrunde liegt. Nicht anders erging es mir mit den Karmaten. Ein Grundzug kristallisierte sich dabei heraus: Je bedeutender die Unternehmungen der Karmaten waren, desto trüber fließen die Quellen, falls sie es nicht vorziehen, ganz zu versiegen; je präziser und detaillierter die Berichte dagegen sind, desto sicherer ist ihre Unzuverlässigkeit: hier wirkte eine Phantasie, die sorgsam jede Kleinigkeit ausfeilte – nicht anders als bei den Hetzstereotypen gegen kleine Religionsgemeinschalten (»Sekten«) der Gegenwart. Diesem Hindernis ist eine stilistische Eigenheit dieses Buches geschuldet: Noch nie zuvor sah ich mich veranlaßt, so oft mit Wendungen wie »es hat den Anschein«, »alle Indizien deuten darauf hin«, »es verhält sich wohl so«, »vermutlich« usw. zu operieren. Diese Unsicherheit spiegelt das vorangegangene Maß an gewaltsamer Unterdrückung und Zensur wider, deren Objekt die Karmaten waren und sind.
    Selbst diese tendenziösen Darstellungen sind lückenhaft und schwer zugänglich. Die wichtigste Quelle für das arabische Frühmittelalter, das Geschichtswerk des Tabari, verstummt mit dem Jahr 915 und läßt uns somit für 90% der karmatischen Geschichte im Stich. Andere historiographische Werke liegen in arabischer Sprache vor, die ich nicht beherrsche; selten sind sie ins Französische oder Englische übersetzt, ganz selten ins Deutsche. Die meisten Quellenzitate, die der Leser in diesem Buch vorfindet, stammen aus englischsprachigen (Tabari) oder französischen Editionen, wie etwa die ›Kosmographie‹ des Ihn Hauqal aus dem 10. Jahrhundert, der diese oder jene nützliche Bemerkung zu entnehmen war, ferner die Autobiographie eines ismailitischen Kämmerers oder ein kleiner Traktat des herausragenden Gelehrten ar-Razi. Immerhin: die Lektüre und Übersetzung dieser Zeugnisse, selten wie Oasen in einer weitläufigen Wüsteneinöde, waren erquickend und boten einigen Halt.
    2. Zum Elend der Quellenarmut gesellt sich das Debakel der Sekundärliteratur. Freilich – es gibt sie, diese Abhandlungen über die Karmaten, meist in Form kleiner Aufsätze, in Fachpublikationen und auflagenschwachen wissenschaftlichen Zeitschriften und Reihen versteckt, von Spezialisten für Spezialisten geschrieben; man sehe mir die Formulierung nach: akademischer Inzest. Es gibt auch summarische Erwähnungen der Karmaten in Monographien zur arabischen Geschichte oder zu häretischen Bewegungen innerhalb des Islam, insbesondere zur Ismailiya. So gut ich es vermochte, habe ich alle diesbezüglichen Auskünfte herangezogen und ausgewertet, aber einmal mehr sah ich mich mit einer äußerst unangenehmen Eigenschaft dieser Gattung von Literatur konfrontiert: Ihre wesentliche Aufgabe besteht weniger darin, Informationen zu vermitteln, als vielmehr Seitenpfade und Abwege zu eröffnen, die in Sackgassen enden. Um konkret zu werden: das Gros dieser Publikationen hat sich zur Aufgabe gestellt, der karmatischen Provokation die Spitze abzubrechen, ihren Wesensgehalt zu verdunkeln, und dies gelingt natürlich um so leichter, als keine originalen Dokumente vorliegen. Die Sekundärliteratur verfolgt die zweifache Tendenz, den revolutionären Charakter der Karmaten zu leugnen – meist mit dem Verweis auf die Existenz von Sklaven im karmatischen Staat und das eigentliche Skandalen, die Abschaffung der Religion in diesem Staat, bei gleichzeitig gewährter und garantierter Toleranz, zu verschweigen, zu vertuschen und kleinzureden. So ist viel die Rede von einer angeblichen karmatischen »Geheimlehre« (die natürlich niemand kennt) und einer mysteriösen »Initiation« in fünf, sieben oder gar neun Stufen – man fragt sich, wann die Karmaten dann noch die Zeit gefunden hätten, um gegen das Kalifat zu kämpfen. Die Lektüre dieser Texte kam einen wie das Kauen von Holzmehl an, und in solchen Hängephasen blieb manchmal nur die Inspiration durch gedankliches Eintauchen in jene Zeit oder gar durch Musik – bleibt zu hoffen, daß die vorliegende Abhandlung den federnden Schwung von Michael Riesslers ›Marsch der Ketzer‹ bewahrt hat.
    Die einzige nennenswerte Ausnahme sei nicht verschwiegen: die so nützliche und verdienstvolle, 1886 erschienene sorgfältige Studie von de Goeje über die Karmaten – abermals bestes 19. Jahrhundert. Dieser Gelehrte hat mit Fleiß alle ihm erreichbaren Informationen über die Karmaten zusammengetragen und sie umsichtig erörtert; maßgeblich diesem Werk ist es zu verdanken, daß das Manko fehlender arabischer Sprachkenntnis nicht allzusehr ins Gewicht fiel, denn hier finden sich selbst zweit- und drittklassige Autoren des arabischen Mittelalters versammelt. Dem Orientalisten de Goeje verbleibt der Ruhm, bezüglich der Karmaten eine unschätzbare Pionierarbeit geleistet zu haben; aber gerade deswegen liegt sein Werk wohl nicht als Reprint oder in deutscher Übersetzung vor. Hiermit gelangen wir zur nächsten Schwierigkeit.
    3. Sie ist praktischer Natur: Es gestaltet sich zunehmend aufwendig und umständlich, an wichtige Bücher heranzukommen. De Goejes Standardwerk etwa befindet sich nicht in der Präsenzbibliothek des Orientalistischen Instituts, sondern in einem separaten, meist abgeschlossenen Räumchen – aus »Schutzgründen« angeblich, als habe sich der Segen des Scannens noch nicht an der Universität herumgesprochen. Die Entleihung eines solchen Buches erfolgt mit gewichtiger Miene, unter etlichen Auflagen, Vorhaltungen und Ermahnungen. Wie ich in den Besitz einer Kopie kam, ist eine kleine Kriminalgeschichte, deren Details hier besser nicht ausgebreitet werden. Dasselbe gilt für das Nachschlagewerk ›Enzyklopädie des Islam‹ (EI) aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts: ebenfalls weggeschlossen. Als ich um Einsicht bat, entspann sich ein denkwürdiger Dialog, denn die studentische Aushilfskraft meinte:
    »Nehmen Sie doch die moderne Ausgabe aus den 8oer Jahren im allgemeinen Lesesaal.« »Vielen Dank, aber die ältere Ausgabe ist sachlich weitaus fundierter und ideologisch einfach nicht so behämmert.« – »Was?! Aber das waren doch Kolonialisten! Erst neulich habe ich darüber ein Referat gehalten, da könnte ich Ihnen einiges erzählen!« – »Mag sein, aber sie waren einfach besser als die heutigen Imperialisten. Kann ich bitte in den Raum?« – »Wozu brauchen Sie die Enzyklopädie denn?« – »Ich schreibe ein Buch über die Karmaten.« – »Die Karmaten?« – »Ja.« Pause. – »Na gut. Aber nicht kopieren!«
    Hatten früher die Bibliotheksangestellten der Universität dafür zu sorgen, daß keine Bücher unerlaubt hinauskamen, so sind sie jetzt anscheinend dafür zuständig, daß keine Besucher hineinkommen. Um diese Stätten weht der eisige Zug des »Sparzwangs« – man braucht das Geld für andere, wesensmäßig finstere Zwecke, für Soldaten in Afghanistan, Kosovo, Kenia und sonstwo, wo sie nichts zu suchen haben. Die Fachbibliothek an meinem Wohnort wurde »gesäubert«, und zwar um die Bücher über die frühhistorischen Hochkulturen im Nahen und Mittleren Osten, die in eine auswärtige Stadt ausgelagert wurden, wie es hieß. Die Öffnungszeiten sind karg bemessen und wechseln ständig; »fachfremden« Besuchern wird der Zutritt an zwei Tagen in der Woche für jeweils wenige Stunden gewährt. Die Garderobe für das gesamte Universitätsgebäude ist längst geschlossen, so daß Jacken, Mäntel, Taschen im Eingangsbereich auf dem Boden zurückgelassen werden müssen. Was nominell der Lehre und Wissenschaft dienen soll, wird langsam stranguliert und verkommt zu einem schäbigen Brutkasten billiger und williger Kopflanger. Man hält sich nicht gerne dort auf und nicht länger als unbedingt notwendig. Marx hatte Tage und Abende, Jahr um Jahr, in der legendären Londoner Bibliothek verbracht, wo er alles Wissenswerte vorfand, mühelos und gratis. Diese Epoche ist vorbei; die bürgerliche Ära ist einem technisierten Neobyzantinismus gewichen, der sich wie sein Vorbild in der Kunst der Unterwürfigkeit und des Speichelleckens übt.
    Es paßt zu diesem allgemeinen Verfall, daß sich ein neues Nachschlagewerk in einem neuen Medium einer rasant wachsenden Beliebtheit erfreut: gemeint ist die »freie Enzyklopädie« Wikipedia im Internet. Der Leser sei unbedingt dazu angehalten, die nachfolgenden Ausführungen mit dem Eintrag unter dem Stichwort »Qaramitah« zu vergleichen. Die Auskunft, die er dort vorfindet, ist von geradezu erschütternder Unbedarftheit: so gut wie keine Jahreszahl ist richtig, etliche Angaben sind falsch, andere irreführend, da in einen sachfremden Kontext gestellt. Dieses krude Amalgam aus falschen, halbwahren und wenigen richtigen Sätzen ist ein typisches Produkt der Jetztzeit, und das schlimmste daran ist, daß hier nicht einmal ein Wille zu bösartiger Entstellung zu Werke gegangen war, sondern einfach nur profunde, tiefe Ahnungslosigkeit. Wikipedia wirbt damit, ein »demokratisches« Lexikon zu sein, zu dem ein jeder Artikel beisteuern kann, und das klingt zunächst einmal ja auch verlockend, aber der grandiose Haken bei der Sache ist, daß ein jeder an einem einmal geschriebenen Artikel Veränderungen vornehmen kann. Das muß nicht generell von Nachteil sein, insbesondere auf technischem Gebiet, eröffnet aber ungeheure Möglichkeiten der Manipulation und Verfälschung, zum Beispiel dergestalt: ein Stümper »verbessert« Einstein, ein Theologe »korrigiert« Darwin. Damit ist die Sachkompetenz als einziges zulässiges Kriterium aus dem Rennen, und das Resultat ist leicht abzusehen: Weiche Birnen werden leicht regiert.
    Doch zurück zum Thema. So schwierig sich der Zugang zu den Karmaten gestaltet, so viel Müll beiseitegeräumt werden muß, so sehr zu sondieren und abzuwägen ist – am Ende ersteht doch ein Bild mit leidlich erkennbaren, manchmal sogar scharfen Konturen, freilich durch einen Schleier von über tausend Entstellungsjahren. Der Leser muß, um dorthin zu gelangen, manchen Umweg, vielleicht auch so manche Abschweifung in Kauf nehmen, aber dies ist der sperrigen Materie geschuldet. Lawrence Sterne hat einen Roman geschrieben, der fast nur aus Abschweifungen besteht, und doch ist im Bereich der schönen Literatur selten etwas Besseres zu Papier gebracht worden.
    Der erstaunliche Befund lautet, daß der Religion – definieren wir sie als das Maximum intellektueller Zumutung, welche zu ihrer Verbreitung auf Gewalt angewiesen ist – mit den Karmaten erstmals in der Weltgeschichte ein ebenbürtiger Gegner erwachsen ist. Zum ersten Mal tritt die Vernunft der Religion auf gleicher Augenhöhe entgegen und weiß die angemessenen Mittel anzuwenden; zum ersten Mal wird die Waffe der Kritik – verkörpert beispielsweise durch den Universalgelehrten und Frühaufklärer ar-Razi, der einen verschollenen Traktat über die drei Offenbarungsreligionen verfaßt hat – durch die so notwendige Kritik der Waffe unterstützt, die in den Karmaten eine historische Gestalt gewonnen hat. Die wehrhafte Vernunft nimmt mit den Karmaten ihren Anfang, und von dieser Geschichte ist im folgenden die Rede.




Fußnoten:

1 Weltgeschichte 1963, S. 130. – Vgl. ferner BRENTJES 1977, S. 129f.
2 NÖLDEKE 1974.
3 Weltgeschichte 1963, S. 132.
4 SO CAHEN 1998, S. 214.
5 AL-BIRUNI 1988, S. 15, 172.
6 IBN CHALLIKAN 2004, S. 160.



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