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Reihe: Unerwünschte Bücher zur
Kirchen- und Religionsgeschichte Nr. 9

Hyam Maccoby

Der Mythenschmied

Paulus und die Erfindung des Christentums

Hyam Maccoby - Der Mythenschmied. Paulus und die Erfindung des Christentums Über den Autor

Herausgegeben und übersetzt von
Fritz Erik Hoevels


269 S., 3. Aufl., mit Verzeichnis der Bibelstellen
Neu erschienen als Band 15.2 der Reihe "Unerwünschte Bücher zur Kirchen- und Religionsgeschichte"


EUR 19,80
ISBN: 978-3-89484-612-1
1. Auflage erschienen 2007
Auch im Schuber erhältlich (mit "Jesus und der jüdische Freiheitskampf")


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Wo Lüdemann aufhört, fängt Maccoby erst an: Paulus war nicht nur der organisatorische Gründer der Kirche, die es ohne ihn gewiß nicht gäbe, sondern auch der alleinige Stifter der christlichen Religion, welche dem gläubigen Juden und verhinderten Messias Jesus schwerlich gefallen hätte.
    Gnosis und Mysterienreligionen, welche zuvor noch niemand kombiniert hatte, verknetete Paulus mit einem gründlich umfunktionierten biblischen Substrat zu einer brisanten Mischung. Entgegen seinen eigenen Suggestionen und den Legenden der Apostelgeschichte ist Paulus im Gegensatz zu Jesus niemals Pharisäer gewesen; aber er war ein nahezu genialer hellenistischer Mythenschmied.



»Während Ratzinger fleißig am Christus-Mythos weiterstrickt1 und die mythengläubige und -willige Masse solche mythenschmiedende Bücher massenhaft kauft, erscheint in dieser der historischen Wahrheit durchaus widrigen Situation in Deutschland ein Buch, das mit rationalsten Argumenten den üblichen Jesus-Mythos des Christentums ad absurdum führt. Maccobys Hauptthese, durch einen gewaltigen Apparat an philologischer, exegetisch-analytischer und historisch-kritischer Methodik und Gelehrsamkeit gestützt, besteht in dem in dieser Radikalität noch nie behaupteten absoluten und exklusiven Gegensatz von Jesus und Paulus. Ersterer war ein frommer Pharisäer (nicht im Sinne der negativ-verächtlichen Attribute, die den Pharisäern im Neuen Testament verabreicht werden), dem es nie in den Sinn gekommen wäre, eine neue Religion zu gründen. Wohl aber habe er sich als Messias des jüdischen Volkes gefühlt, der die jüdische Monarchie restaurieren, die römische Besatzung vertreiben, einen unabhängigen jüdischen Staat errichten und ein Zeitalter des Friedens, der Gerechtigkeit und des Wohlstands herstellen werde, das sogenannte »Reich Gottes«. Das aber nicht mit militärischen Mitteln, sondern im Glauben an ein Wunder Gottes, das die Macht Roms brechen werde. Als dieses Wunder ausblieb, war seine Mission gescheitert. Weder sah er sich als Gottes Sohn, der nach diesem Scheitern wieder zu Gott Vater im Himmel zurückkehrt, noch seinen Tod als Sühneopfer für die Sünden der Menschheit und zu deren Errettung aus ewiger Verdammnis.
    Und nun kommt Paulus ins Spiel. Wahrscheinlich braucht jeder Mythos, jede Hervorbringung einer Kultgestalt ein Minimum an Faktizität, an tatsächlicher Basisgeschichte. Der genial listige und schlaue Paulus machte also aus dieser keineswegs extraordinären Gestalt Jesu mit Hilfe gnostischer, mysterienreligiöser und ein paar selektiv alttestamentlicher Elemente die ins pompös Metaphysisch-Kosmische erhöhte und erhobene Gestalt eines Erlösers und Heillands, eines Gottes und Gott ebenbürtigen Sohnes. Es war, so Maccoby, ›ein geniales Gebräu und Gewirk aus hellenistischen Bestandteilen, das oberflächlich mit jüdischen Schriften und Überlieferungen verlötet wurde, die es mit einer Art Historizität und einer Aura von Gültigkeit versehen sollten.‹
    Der Mann, der dies bewerkstelligte, war nie ein pharisäischer Rabbi gewesen, obwohl er dies seinen Anhängern weismachte, ›sondern ein Abenteurer ohne irgendwie hervortretenden Hintergrund. Er verband sich zunächst mit den Sadduzäern, und zwar als dem hohen Priester unterstellter Polizeiagent, bevor er sich zum Glauben an Jesus bekannte.‹ Jene Bildung und jenen Kenntnisstand, die man im Allgemeinen mit den Pharisäern verband, hatte er nicht oder sehr unvollkommen. Seine Biografie habe er verzerrt und verfälscht, um seine missionarischen Aktivitäten besser durchsetzen zu können. Paulus also, wie Maccoby akribisch nachweist, ›kein in jüdischer Gelehrsamkeit und Tradition verwurzelter Pharisäer, vielmehr ein hellenistischer Abenteurer, dessen Bekanntschaft mit dem Judentum vergleichsweise spät und seicht war.‹
    Das gesamte Christentum, das wir kennen bzw. an das die Christen glauben, ist durch und durch, von A bis Z ein Werk des Paulus. Die nazarenische Religion, also die Religion der unmittelbaren Jünger und Nachfolger Jesu in Jerusalem, des Petrus, des Jakobus etc., war lediglich und blieb eine Variante der jüdischen Religion, angereichert allein mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu und damit, dass Jesus für sie immer noch der versprochene Messias war.
    Alles Andere aber ist das Werk des Paulus. Er schuf eine ganz neue Religion mit dem für das Christentum bis heute so zentralen Mythos vom Versöhnungstod des auf die Erde herabgestiegenen göttlichen Wesens, von der Notwendigkeit des Glaubens an diesen Opfertod und der mystischen Teilhabe am Tod der Gottheit als einzigem Weg zur Errettung des Menschengeschlechts aus der Verdammnis. Jesus selbst, so Maccoby, habe ›nie eine ähnliche Vorstellung besessen; er wäre über die ihm von Paulus zugeschriebene Rolle als eine leidende Gottheit verblüfft und schockiert gewesen.‹ Er hätte sie für ›heidnisch und götzendienerisch‹ gehalten, für eine ›Verletzung des ersten der Zehn Gebote‹.
    Es muss als großes Verdienst des Ahriman Verlags angesehen werden, ein solches radikal die Anfänge des Christentums entmythologisierendes Werk herausgebracht, es in unsere heutige mythengeile, mehr dem Ratzionalismus als dem Rationalismus huldigende Aktualität hineingestellt zu haben, so dass nur noch die relativ wenig Denkenden unserer Zeit als Leser erwartet werden können. Die englische Originalausgabe der hier besprochenen Übersetzung erschien ja bereits 1986 in New York, ohne dass sie im deutschen Sprachraum auf Widerhall gestoßen wäre. Allerdings hat der Ahriman Verlag auch schon früher Maccobys Buch ›Jesus und der jüdische Freiheitskampf‹ herausgegeben, die bisher nüchternste Rekonstruktion des historischen Jesus aus den Quellen.
    Natürlich kann nicht alles, was Maccoby vorbringt, komplett neu sein. Seit den Anfängen der europäischen Aufklärung und der historisch-kritischen Bibelforschung des 18. und 19. Jahrhunderts geistert ja die These vom Gegensatz zwischen Jesus und Paulus durch die Literatur. Aber es gibt im gesamten Raum der christlichen Bibelforschung und Theologie, egal welcher konfessionellen Richtung diese sich verpflichtet fühlen mag, bis heute keinen Exegeten oder Theologen, der es wagen würde, einen so radikalen Schnitt zwischen Jesus und Paulus durchzuführen. Jesus total und ausschließlich dem Judentum, Paulus total dem Christentum als dessen alleinigen Gründer zuzuschlagen, und das mit derart detaillierten und stichhaltigen Belegen und Argumenten.
    Im Moment geht wohl Lüdemann, der aus der Göttinger evangelisch-theologischen Fakultät ausquartierte Theologe noch am weitesten, indem er Paulus wohl ›als Organisator und Formelgeber des Christentums gelten lässt und insofern, aber nur insofern, als dessen praktischen Gründer, der er natürlich auch war, aber nicht, was viel bedeutender ist, als dessen substantiellen Erfinder‹2, als welchen ihn allein Maccoby decouvriert.
    Der Rezensent muss gestehen, dass auch er in seinem Buch ›Jesus und die Frauen‹3 zwar die gesamten Jesus-Mythologien heutiger Theologen von Rahner über Franz Alt, Küng, Drewermann usw. auf das viel geringfügigere Maß des historischen Jesus reduzierte, jedoch den Gegensatz von Jesus und Paulus nicht so einleuchtend radikal gesehen hat, wie das Maccoby in seinem hier besprochenen Buch plausibel macht. Dieser angesehene Talmud-Philologe und ehemalige Professor für Judaistik an der Universität Leeds hat sich meines Erachtens den klarsten und unabhängigsten Blick auf die hier zur Debatte stehende Problematik bewahrt.
    Maccobys Buch ist ein Muster an historisch-kritischer Präzisionsarbeit. Aber selbstverständlich muss bei ihm auch Manches in der Schwebe bleiben, als Hypothese gewertet werden, was nicht verwundern kann, wenn man die spärliche, fragmentarische Quellenlage berücksichtigt. Aber Maccobys Darstellung ist die plausibelste, begründetste, argumentativ überzeugendste, zugleich in besonderem Maße dazu angetan, die dunklen und zwiespältigen Anfänge des Christentums wirklich zu erhellen und logisch verstehbar zu machen. Keine wirklich wissenschaftlich relevant sein wollende Untersuchung der hier debattierten Problematik wird an einer Auseinandersetzung mit Maccobys Buch vorbeikommen können.

Prof. Dr. Hubertus Mynarek in »Aufklärung und Kritik«, 2/2007

1 S. sein neuestes Jesus-Buch und das kritisch zu ihm Stellung nehmende Buch Mynareks u.d.T. ›Papst-Entzauberung. Das wahre Gesicht des Joseph Ratzinger und die exakte Widerlegung seiner Thesen‹, Norderstedt 2007, Verlag Books on Demand.
2 F. E. Hoevels in seinem Vorwort zu dem hier besprochenen Werk, S. XI.
3 H. Mynarek, Jesus und die Frauen, 1. Auflage im Eichborn Verlag 1995, 2. Auflage im Verlag Die Blaue Eule 1999.



»In der Reihe der Unerwünschten Bücher zur Kirchen- und Religionsgeschichte (Nr. 9) wird Maccobys Buch einen Höhepunkt darstellen, denn es zeigt, dass Jesus, der antiimperialistische von den Römern als Rebell Hingerichtete, nicht der ›Erfinder‹ des Christentums ist. Das ist dem ›Mythenschmied‹ aus Tarsus, Paulus, gelungen, einem großartigen Organisator.«

Zeitschrift »Freidenker« 3/2007


Inhalt

  1. Saulus
    1. Das Paulusproblem
    2. Der Standpunkt dieses Buches
    3. Die Pharisäer
    4. War Jesus ein Pharisäer?
    5. Warum wurde Jesus gekreuzigt?
    6. War Paulus Pharisäer?
    7. Angeblich rabbinischer Stil in den Paulusbriefen
    8. Paulus und Stephanus
  1. Paulus
    1. Der Weg nach Damaskus
    2. Damaskus und danach
    3. Paulus und das Abendmahl
    4. Die »Kirche von Jerusalem«
    5. Der Bruch
    6. Paulus vor Gericht
    7. Das Zeugnis der Ebioniten
    8. Der Mythenschmied
  • Anhang
  • Zur Methode
  • Danksagungen
  • Nachwort zur 2. Auflage
  • Stellenregister
  • Literatur





Vorwort des Übersetzers


Endlich liegt auch das dritte der Hauptwerke Hyam Maccobys auf deutsch vor: nach ›Jesus und der jüdische Freiheitskampf‹ (Ahriman), der die wohl engste und zugleich nüchternste Annäherung an die historische Wahrheit über Jesus bietet, welche mutmaßlich zu haben ist - und die den privilegierten christlichen Kirchen kaum gefallen wird, dafür aber deren ungefragt in ihre Organisation hin eingezogenen Zwangsmitgliedern erleichternd die Augen öffnen kann -, über den ›Heiligen Henker‹ (Thorbecke), welcher unerwartetes Licht auf wichtige Bibelmythen von Kain und Abel über Noah bis hin zur metaphysischen Umfunktionierung der römischen Rebellenhinrichtung an Jesus durch die Christen wirft, beschäftigt sich dieses Buch mit dem Stifter ihrer Religion und mit den Rohstoffen, aus denen er sie geschmiedet hat: mit dem Apostel Paulos. Der orthodoxe (oder leidlich orthodoxe) jüdische, auf jeden Fall bei aller zeit- und ortsgebundenen religiösen Grundlage in erster Linie anti-imperialistische Jesus, welchen die Christen für diesen Stifter halten sollen, war das keineswegs: er war nur einer der (durchaus frei behandelten!) Rohstoffe, aus denen der in diesem Metier zweifellos hochbegabte Paulos seine Religion geschmiedet, eben »gestiftet« bzw. erfunden hat. Dies weist Maccoby nach und führt es vor.
    Unter das erste paulinische Ingredienz »Jesus« können wir die gesamte schon bestehende »Jerusalemer Kirche« subsumieren, welche Jesus in ganz korrekt biblischem Sinne für den Messias hielt, also den wundersamen nationalen Befreier der Juden und in Nebenwirkung dazu aller Völker, die kein fremdes Territorium verletzten bzw. selber unter dieser Verletzung zu leiden hatten; diese Vorstellung hatten sie, wie viele ihrer jüdischen Zeitgenossen angeregt durch die biblische Eliaslegende, schon vor Paulos um eine recht elaborierte Auferstehungsphantasie erweitert. Paulos griff diese auf, entpolitisierte und hellenisierte sie nach dem Muster der Mysterienreligionen: vom vergleichsweise handfesten jüdischen Messias oder Messiasanwärter wird Jesus ein »sterbender und wiederauferstehender Gott« nach dem Modell von Attis, Dionysos, Osiris oder Adonis. Und nach dem Vorbild des wichtigsten unter diesen, dessen Titel er auch posthum übernimmt (»Σωτήρ«, meist mit »Heiland« oder »Erlöser« übersetzt), bekommt sein in der Wirklichkeit ganz anders determinierter bzw. motivierter Widerstandskämpfertod den Charakter eines religiösen bzw. rituellen Opfers, dem seine Anhänger eine Tilgung ihrer Sünden als objektive metaphysische Wirkung zuschreiben, welche Beobachter, die keine Anhänger sind, natürlich für subjektiv-psychologisch halten müssen - aber weder die einen noch die anderen für objektiv-politisch, effektiv-historisch.
    So wenig wie die Welt kann eine Religion aus Nichts entstehen. »Kein Gott erschafft die Welt aus Nichts/so wenig wie irdische Sänger«, stellt Heinrich Heine treffend fest, und auch die Schöpfung des Paulus kann dabei keine Ausnahme machen. Zwei Rohstoffe haben wir schon kennengelernt, aber erst der dritte ermöglichte das spezifisch christliche Ergebnis: die Gnosis. Durch die Funde von Chenoboskion (heute Nag Hammadi) wissen wir nach langen Gelehrtenstreitigkeiten verflossener Zeit endlich, daß sie älter als das Christentum ist - Paulus konnte also sehr wohl auf sie zurückgreifen. Genau wie im Buddhismus steht ein letztlich überweltlicher Lehrer in ihrem Zentrum, dessen Lehre in erster Linie die Überwindung der wesenhaft leidvollen, schlechten Welt durch »Erkenntnis« (γνῶσις) zum Gegenstand hat (»Akosmismus«, wie Maccoby das nennt) - mit Mysterienkulten hat das von Hause aus nichts zu tun. Wie weit es sich bei den oft verblüffenden Übereinstimmungen von Gnosis und Buddhismus um Konvergenzen oder Homologien (also indirekte Missionseinflüsse der älteren Religion) handelt, scheint derzeit nicht entscheidbar zu sein. Auf jeden Fall entstand die Gnosis unter hauptsächlich alexandrinischen Griechen (oder gräzisierten Zuwanderern) in polemischer Auseinandersetzung mit der Bibel. Wie Maccoby andernorts ausführt (nämlich im ersten Kapitel seines mehr philologisch ausgerichteten Buches ›Paul and Hellenism‹, Philadelphia 1991), muß es sich hierbei um Ex-Sympathisanten des Judentums gehandelt haben (sog. »Gottesfürchtige«, analog den »Hanifen« im vorislamischen Arabien), welche durch den vornehmlich von Plato mitgebrachten philosophischen Monotheismus auf dessen praktisch organisierte Form vorbereitet und von ihr angezogen gewesen waren, sich dann aber von ihr enttäuscht und oft mit Ressentiments abwandten. Erst Paulus schafft aus diesen drei Elementen jene brisante Synthese, an deren Folgen wir heute noch zu laborieren haben.
    Neben dieser Analyse der paulinischen Religionsschöpfung, wie sie philologisch möglich ist, versucht der Autor auch noch die historische Gestalt ihres Gründers, des genialen Mythenschmiedes aus Tarsus, zu rekonstruieren; hier freilich muß durch den langen zeitlichen Abstand und die Dürftigkeit der Quellen notgedrungen vieles Spekulation bleiben (man vergleiche zur hier vorliegenden immerhin die ganz andersartigen Vermutungen Eisenmans in dessen ›Jakobus‹). Aber bemerkenswert bleibt dabei, wie viel sich historisch dennoch sichern und mindestens sehr wahrscheinlich machen läßt; alle Versuche moderner christlicher Theologen, ihren ihnen allmählich lästig werdenden Gründer loszuwerden (und ihm sogar die ältesten Paulusbriefe abzusprechen, wie etwa das absurde Machwerk DETERINGS (1995, im zuverlässig katholischen Patmos-Verlag), welches »Simon Magus« als ihren Verfasser reklamiert), zerschellen daran. Andererseits wollen viele angesehene Gelehrte, die als »kritisch« gerühmt werden, in erster Linie wohl LÜDEMANN (2001) in seinem Paulusbuch, Paulus gewiß als Organisator und Formelgeber des Christentums gelten lassen und insofern, aber nur insofern, als dessen praktischen Gründer, der er natürlich auch war, aber nicht, was viel bedeutender ist, als dessen substanziellen Erfinder. Doch als solcher muß er, wie Maccoby hier geduldig vorführt, vor allem begriffen werden: aus Gnosis, Mysterienkult und den Phantasien der jüdischen Jerusalemer Jesus»fans« hat Paulus das Christentum fabriziert, seine Mythen und seine Metaphysik, den Gehalt der wundersamen Biographie Jesu, wie sie die Evangelisten erzählen, und der Lehren, die sie ihm, lange nach Paulus oder zumindest dessen Hauptaktivitätszeit, in den Mund legen. Die Christen scheinen diesen Zusammenhang ungern zu sehen, denn sie verwirren schon immer in ihrem Neuen Testament die chronologische Abfolge der darin gesammelten Schriften; sie stellen die Evangelien an den Anfang und nicht die Paulusbriefe, gerade als wären diese später geschrieben, statt die Voraussetzung für jene zu bilden. Aber


Und nun will ich der Neugier des Publikums nicht mehr im Wege stehen.

Fritz Erik Hoevels




Vorwort des Autors


Als Talmudphilologe ist mir aufgefallen, daß die Kenntnis des Talmuds und anderer rabbinischer Schriften das Verständnis mancher rätselhafter Stellen des Neuen Testaments eröffnet. In meinem früheren Buch ›Jesus und der jüdische Freiheitskampf‹ habe ich vorgeführt, wie Jesus in den synoptischen Evangelien wie ein Pharisäer spricht und handelt, obwohl die Evangelisten dies zu vertuschen suchten, indem sie ihn sogar dort als Pharisäergegner hinstellten, wo seine Aussprüche weitestmöglich mit der Lehre der Pharisäer übereinstimmten. In dem vorliegenden Buch verfolge ich ein entgegengesetztes Ziel: ich benutze rabbinisches Belegmaterial, um zu zeigen, daß Paulus, den das Neue Testament als ausgebildeten Pharisäer zu porträtieren sucht, nie einer gewesen ist. Die Konsequenzen, die sich daraus für das Verständnis des frühen Christentums ergeben, sind immens.
    Zusätzlich zu den rabbinischen Schriften habe ich ausgedehnten Gebrauch von antiken Historikern gemacht, insbesondere Josephus, Epiphanius und Eusebius. Deren Aussagen müssen in Relation zu ihren speziellen Interessen und Voreingenommenheiten gewichtet werden, aber sobald eine solche Voreingenommenheit einmal erkannt und von der vermittelten Information abgezogen werden kann, bleibt von dieser noch genug Wertvolles übrig. Für das Neue Testament gilt genau dasselbe. Sicher ist sein Gehalt oft genug von der Voreingenommenheit des jeweiligen Verfassers oder Bearbeiters der vorliegenden Texte entstellt worden, aber eine Kenntnis der Tendenz dieser jeweiligen Voreingenommenheit läßt den wahren Umriß der historischen Abläufe wieder aus ihrer Vernebelung auftauchen.
    Was meinen Standpunkt gegenüber den verschiedenen modernen Schulen der NT-Philologie angeht, verweise ich den Leser auf meinen Anhang ›Zur Methode‹ (p. 232sqq.).
    Beim Gebrauch der Paulusbriefe zur Rekonstruktion der Biographie des Apostels habe ich mich auf diejenigen Briefe beschränkt, welche von der überwältigenden Mehrheit der universitären Neutestamentler als echt angesehen werden. Zweifelhafte Briefe wie denjenigen an die Kolosser, obwohl sie gut in meine Argumentation gepaßt hätten, habe ich nie verwendet.
    Wenn es um den historischen und organisatorischen Hintergrund von Paulus ging, bin ich auch auf einen der frühesten Berichte über diesen zurückgegangen, welcher noch erhalten geblieben ist, nämlich denjenigen der Ebioniten, wie er von Epiphanius überliefert wird. Dieser Bericht ist von den Spezialgelehrten aus recht unangemessenen und tendenziösen Gründen vernachlässigt worden. Robert Ranke-Graves und Joshua Podro haben in ihrem Buch ›The Nazarene Gospel Restored‹ [›Das rekonstruierte Nazarenerevangelium‹] den ebionitischen Bericht zwar ernstgenommen, ihn aber, wenn sie auch ein paar überzeugende Bemerkungen zu ihm machten, insgesamt sehr kurz abgehandelt. Ich hoffe, daß das vorliegende Buch dazu beitragen wird, die vorherrschende wegwerfende Haltung zu verändern, mit welcher die Fachwelt dem einzigen längeren Dokument begegnet, das uns Einblick in jene so gründlich ignorierte, aber wegen ihrer historischen Bedeutung faszinierende antike Religionsgemeinschaft geben kann.





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