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Arthur Rosenberg

Demokratie und Klassenkampf im Altertum

A. Rosenberg: Demokratie und Klassenkampf; F.E. Hoevels: Roter Leitfaden durch die römische Geschichte Über den Autor


Fritz Erik Hoevels

Roter Leitfaden durch die römische Geschichte

Über den Autor

Herausgegeben und eingeleitet von Peter Priskil
Neu mit ausführlichem Nachwort von Fritz Erik Hoevels

147 S., 2. erw. Aufl.
EUR 9,90
ISBN: 978-3-89484-810-1
(ISBN-10: 3-89484-810-3)
Erschienen 1997

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Inhalt:
  • Zu dieser Ausgabe
  • Arthur Rosenberg
    Demokratie und Klassenkampf im Altertum
    1. Demokratie, Diktatur, Proletariat:
      drei Begriffe des antiken Staatslebens
    2. Sklaven, Leibeigene, Proletarier:
      drei unterdrückte Stände im Altertum
    3. Wovon lebten die Menschen des Altertums?
    4. Wie der Adel in Griechenland zur Macht gelangte und sie wieder verlor
    5. Die Anfänge der Herrschaft des Bürgertums in Griechenland. Die Tyrannen und Tyrannenmörder
    6. Der Ausbau der bürgerlichen Demokratie
    7. Der Imperialismus des Bürgertums in Athen
    8. Die Entstehung einer proletarischen Kampfpartei in Athen
    9. Das Proletariat kommt zur Macht
    10. Die auswärtige Politik des athenischen Proletariats
    11. Wodurch hat sich die Herrschaft des Proletariats so lange in Athen behauptet?
    12. Eine Spaltung des athenischen Proletariats
    13. Der bürgerliche Staatsstreich von 411
    14. Noch ein Reaktionsversuch in Athen
    15. Die Übervölkerung Griechenlands und ihre Folgen
    16. Der Untergang der proletarischen Demokratie in Athen
    17. Der Ausgang der Klassenkämpfe bei den Griechen
    18. Klassengegensätze und Demokratie in der römischen Republik
    19. Die demokratischen Gemeinden und die kapitalistische Reichsregierung in der römischen Kaiserzeit
    20. Die Erneuerung der Leibeigenschaft und der Zusammenbruch des Römischen Reichs
  • Fritz Erik Hoevels
    Roter Leitfaden durch die römische Geschichte
  • Nachtrag
  • Zur Neuauflage
  • Anhang
      - Ausgewählte Bibliographie
      - Verzeichnis der antiken Personen



Zu dieser Ausgabe


Jedem, der sich ernsthaft mit der Geschichte des römischen Altertums befassen will, stellt sich die grundlegende Frage: Wie ist es zu erklären, daß eine kleine mittelitalienische Gemeinde im Lauf der Jahrhunderte ein gewaltiges Reich errichtete, das nahezu alle Teile der damals bekannten Welt umspannte? Diese Frage ist einfach, aber die Antwort weit weniger, denn sie erfordert Wissen, Überblick und Klärungswillen. Grund genug für die modernen Mystagogen auf ihren Lehrstühlen, einen Griff in die Märchenkiste zu wagen: Es saßen einmal vier Diplomaten einander feindlich gesinnter Staaten in einem Eisenbahncoupé. Als der Zug durch einen Tunnel fuhr, ängstigten sie sich sehr, denn ein jeder befürchtete, sein Nachbar könnte in der Finsternis zur Waffe greifen und seinen Erstvorteil ausnutzen. Also griffen sie alle zur Waffe und schossen. So begann der Erste Weltkrieg. -
    Mit diesem Gleichnis - oder wie immer man es bezeichnen will - versuchte man mir als Studenten der Alten Geschichte die Dynamik der römischen Herrschaftsentfaltung nahezubringen. Eine vertrackte Sache: Was haben Eisenbahnen in der römischen Antike zu suchen? Oder nehmen wir die Botschaft als solche: Gründete das Weltreich der Römer auf einer Art Putativnotwehr? Was war dies dann aber anderes als die Behauptung römischer Generäle, Politiker und ihrer Geschichtsschreiber, Rom habe immer nur bella iusta, also »gerechte« oder Verteidigungskriege geführt? Man sieht, wie sehr diese einfache Frage an den Kern der Sache rührt, wie eine - heute wenigstens - doch recht einfach zu durchschauende Propagandaformel mühelos zwei Jahrtausende überdauert und via Ideologietransport in Professorenhirnen Wurzeln schlägt. Immerhin ging es um Herrschaftsausübung, Unterjochung fremder Völker, »Imperialismus« gar, und damit ist - das weiß ein deutscher Professor - nicht zu spaßen. Wenn man dann nicht locker ließ und auf der Ausgangsfrage beharrte, überzog sich das professorale Antlitz mit Kummer- und Unmutsfalten, und die etwas genervte Antwort lautete dann wie folgt: Von dem römischen Imperialismus könne man ohnehin nicht reden, denn zwar sei das eine Volk militärisch unterworfen und versklavt worden, zugegeben, aber das andere habe »Freundschaftsverträge« mit Rom geschlossen und sei dabei ganz gut gefahren, außerdem hätten neueste Untersuchungen gezeigt ... und die Quellen ... und überhaupt ... Irgendwann war diese Frage dann unter einem Schwall betulichen Gequassels verschwunden.
    Der hier abgedruckte »Rote Leitfaden« leistete mir bei diesen Auseinandersetzungen die besten Dienste. Nicht nur lagen dadurch die Grundzüge einer ganzen Epoche klar zutage - für das Mittelalter kann diesen Anspruch Karl August Wittfogels 'Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft' erheben, das wohl aus diesem Grunde nicht mehr aufgelegt wird -, sondern mittels dieses Textes entlarvten sich die Professoren bis zur Kenntlichkeit: als Kopflanger der Herrschenden. Anfangs duldeten sie noch mißmutig die Diskussion dieses Papiers in den Seminaren; wenig später aber - ich hatte einen Zeitvertrag als »Tutor« und als solcher die »Regelanfrage« bei der deutschen Geheimpolizei erfolgreich überstanden - drohte man mir disziplinarische Strafmaßnahmen an, falls ich mich nochmals unterstünde, diesen Text als Diskussionsgrundlage für Erstsemester zu verwenden. Nicht verschwiegen sei, daß diese Seminarleiterin, die kraft ihrer Position, aber nie mit einem Hauch von Argumenten den »Boden der fdGO« in ihrem Seminarräumchen verteidigte, heute Frauenbeauftragte derselben Universität ist. Das besagt so manches. (Auch aus diesem Grund haben wir die Aufforderung zu öffentlicher Diskussion, die heute so befremdlich wirken muß, im Schlußteil des »Nachtrags« belassen, denn dieser Text ist mittlerweile seinerseits schon wieder ein historisches Dokument.)
    Mit diesem kleinen Buch liegen die Veröffentlichungen zweier Fachleute vor, deren Biographie, wissenschaftliches Betätigungsfeld und methodisches Instrumentarium zahlreiche, teils verblüffende Übereinstimmungen aufweisen: Beide sind Altphilologen, deren wissenschaftliche Reputation allerdings weniger auf akademischen Graden gründet, sondern auf dem Gehalt ihrer Publikationen (dem alt- wie neuzeitlichen Byzantinismus staatlicher Lohndenker begegnen beide mit der gleichen souveränen Verachtung); beide sind Atheisten ohne Wenn und Aber (für den von den Nazis vertriebenen Rosenberg gilt dies bis zur Zeit seines amerikanischen Exils), und beide sind schließlich, da man so wenig »ein bißchen oppositionell« wie »ein bißchen schwanger« sein kann, Kommunisten. Zugegeben: Das ist ein wenig viel für einen bundesdeutschen Leser, in dessen Land das zwischen Hitler und dem Vatikan geschlossene Konkordat nach wie vor Geltung besitzt und wo der Antikommunismus wesentlich verbreiteter ist als, sagen wir, die Kenntnis auch nur der ersten zehn Artikel des Grundgesetzes. Doch weiter: Beide Autoren fragen in den hier abgedruckten Veröffentlichungen nach den Triebfedern und Gesetzmäßigkeiten, die der griechischen respektive römischen Antike zugrunde liegen; beide bedienen sich der kausalen Geschichtsanalyse, um komplizierte Abläufe zu erklären, anstatt sie bloß zu beschreiben oder gar von subjektiver Warte zu werten, und beider Anspruch ist es schließlich, aus der Vielfalt überlieferter Nachrichten das Wichtige vom Anekdotischen zu sondern und in allgemeinverständlicher Darstellung Übersicht zu vermitteln. Dem Leser bleibe die Entscheidung überlassen, ob die Verfasser den von ihnen gestellten Ansprüchen gerecht werden.
    Bei so vielen Gemeinsamkeiten soll allerdings ein fundamentaler Unterschied nicht außer acht bleiben: Während Arthur Rosenberg - Mitglied der KPD seit 1920, 1924/25 ins Politbüro gewählt und von 1924 bis 1928 Reichstagsabgeordneter der KPD - bis 1933 einen außerordentlichen Lehrstuhl für Alte Geschichte und Soziologie an der Universität Berlin innehatte, blieb dem zweiten Verfasser dieses Bandes der Zugang zu einem ordentlichen Lehramt unter fadenscheinigen Vorwänden verwehrt (»zu wissenschaftlich« sei seine Dissertation, sagte ein ordentlicher Professor in geheimer Sitzung, die freilich nicht so geheim war, daß keine Nachrichten über diese Ungeheuerlichkeit durchsickern konnten). Schon allein diese Episode wirft ein treffendes Licht auf die mit teuren Steuergeldern finanzierten Anstalten, aus denen die Wissenschaften zuverlässig verbannt sind und wo nur noch scheuklappenbewehrter Nachwuchs und stromlinienförmige Anpässler herangezüchtet werden.
    »1933 verlor ich nach der Machtübernahme durch Hitler meine Stellung an der Berliner Universität«, schreibt Arthur Rosenberg in seiner 'Selbstdarstellung' 1938. Damit war Rosenberg einer unter jenen Zehntausenden, die Hitlers »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« zum Opfer fielen. Aber wohlgemerkt: Vor 1933, als die Verfassung der Weimarer Republik in Kraft war, konnte er seinem Beruf - ungeachtet seiner politischen Ansichten und Aktivitäten - ungehindert und frei von Repressionen nachgehen. Eben diese Weimarer Republik war nun einmal »der freieste Staat, der je auf deutschem Boden existierte« - jenes Etikett, mit dem sich die BRD der Jetztzeit so dreist und verlogen herausputzt. Die Kurzbiographie eines Wissenschaftlers, der sein Fach ernst nimmt und sich nicht zur staatstragenden Schablone degradieren lassen will, müßte heute dagegen lauten: »Nach den Verfassungsbrüchen von Willy Brandt und seinen Nachfolgetätern - den Berufsverboten - wurde mir eine Anstellung im öffentlichen Dienst aus politischen Gründen verwehrt« (wahlweise: »gekündigt«). Auf der Jagdstrecke dieses fortlaufenden staatlichen Unrechts sind zehntausend dokumentierte Opfer (bei ungleich höherer Dunkelziffer) verblieben, mit dem Resultat, daß bei der Klärung komplizierter Zusammenhänge - nichts anderes ist ja die Aufgabe der Wissenschaft - nicht der Sachverstand, sondern die Willfährigkeit des Beamten das entscheidende Kriterium darstellt. Auf diesen Umstand ist ferner zurückzuführen, daß sich die im Anhang abgedruckte Liste altphilologischer Fachveröffentlichungen beim zweiten Autor verhältnismäßig bescheiden ausnimmt: Arthur Rosenberg konnte beispielsweise noch selbstverständlich Artikel in Pauly/Wissowas 'Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft' (RE) - der »Bibel« der Altphilologen - veröffentlichen; im Staat der Berufsverbote und Gesinnungsschnüffelei ist dies nicht mehr möglich. Allenfalls Beiträge in akademisch verschraubter, andeutungsreicher Sklavensprache haben Aussicht, ein unscheinbares Dasein in einer nur von Fachleuten gelesenen Reihe zu führen. Aber das, so wird man zugeben müssen, ist der Mühe nicht wert.
    Wissenschaft findet in keinem luftleeren oder wertneutralen Raum statt, denn die einfache Feststellung, ob etwas wahr ist oder nicht - selbst wenn sie sich auf so entlegene Epochen wie die europäische Antike bezieht -, kann stören: die reibungslose Ausübung von Herrschaft nämlich. Wer einen historischen Abschnitt in seinem Gehalt begriffen hat, ist in der Lage, Vergleiche zu ziehen, die freilich nicht so dämlich sind wie der einleitend präsentierte und den ungeheuren Vorzug besitzen, ausnahmsweise einmal zu stimmen. Es ist ein durchaus lohnendes Unternehmen, bei der Lektüre der nachfolgenden Zeilen einmal vergleichende Betrachtungen zwischen dem Attischen Seebund und der NATO unserer Tage anzustellen, oder zwischen der pax Augusta und der pax Americana (wie würde es sich wohl ausnehmen, wenn in 2000 Jahren ein furchtbar gelehrter Mensch behaupten würde, von dem amerikanischen Imperialismus könne keine Rede sein: zwar sei der Irak zerbombt und ausgehungert worden - zugegeben -, aber Deutschland habe zugleich so viel Vertrauen zu seinem »Verbündeten« gefaßt, daß es nicht nur diesen Krieg mit Milliardensummen finanzierte, sondern seinen gesamten Goldschatz in Fort Knox deponierte? Doch genug davon, hier ist jeder Leser selbst gefordert).
    Über die Aktualität von Arthur Rosenbergs Text, der seit langem vergriffen ist, bleibt wenig zu sagen. Sein Hauptaugenmerk gilt der griechischen Antike, hier insbesondere der athenischen Demokratie - jener Regierungsform, die seinerzeit nicht nur zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte gedacht, sondern den zeitlichen Umständen gemäß auch praktiziert wurde. Es ist eine Geschichte für sich, die Wandlungen dieses Begriffes von seiner Entstehungszeit bis zur bloßen Worthülse, als die er den heutigen Neo-Totalitarismen dient, zu beschreiben. - Soweit erforderlich, wurde Rosenbergs Text der heute üblichen Orthographie und Interpunktion behutsam angeglichen.

Freiburg, im August 1997, Peter Priskil






Zur Neuauflage


Es ist jetzt lange her, daß mein ›Roter Leitfaden‹ am Apparat vorbei eine wenn auch winzige Öffentlichkeit erreicht hat; zu korrigieren habe ich an ihm nichts, zu ergänzen war zu jedem Zeitpunkt jede Menge. Seinen Zweck der Übersichtsstiftung wird er dennoch auch weiterhin erfüllen können; wie man ihn in dieser Hinsicht, der einzigen, auf die sein Verfasser Wert legte, weiter verbessern könnte, ist diesem nicht eingefallen.
    Allerdings hat sich an der Welt, zu deren Kenntnisnahme diese Schrift jetzt wieder aufgelegt wird, einiges verändert: erstens gibt es keine Staaten mehr in ihr, die sich da und dort zu Recht, meistens aber zu Unrecht auf Marx und Engels berufen, und zweitens ist sie insgesamt der Spätantike strukturell sehr viel ähnlicher, ja trostlos ähnlich geworden, in »Basis« wie »Überbau«, der Besitz, diesmal das jahrhundertealte, aber in der Antike in seiner eigentlichen Gestalt fehlende Kapital, hat eine extreme Konzentration erreicht, die seinen gewohnten, noch nicht ganz trostlosen Charakter quasi-byzantinisch verändert, ein allmächtiger Imperialismus, diesmal der US-amerikanische, beherrscht ausweglos die Welt, und aus der Sphäre des »Geistes« sind Kühnheit, Freiheitswille, Neugier auf Übersicht und Ursprung der Dinge, in der Konsequenz auch jede echte Wissenschaftlichkeit verschwunden, während religiöse Vernebelung durch Privilegierung und Alimentierung ein wachsendes Gelände zurückerobert, das sie allerdings mit dem neuen Suggestionsapparat des Fernsehens und einer wiederum wahrhaft byzantinisch gleichgeschalteten Presse teilen muß. An den Oberflächenphänomenen eines allgemeinen Absterbens der Vernunft und des staatsbürgerlichen Denkens, weichlicher Massenfügsamkeit und Projektionswilligkeit, nicht zu reden von den wuchernden Steuern für einen immer lückenloseren Unterdrückungs-(»Überwachungs«-)Apparat im Innern, zu dem ja auch gegen Ende das römische Militär heruntergekommen war, frumentariorum pestis, das dafür die Grenzen immer mangelhafter schützte, ist die Strukturparallele zur Spätantike am leichtesten zu erkennen oder wenigstens zu erahnen.
    Die Antike war der erste Fehlstart der Menschheit – einen Demokrit oder Epikur brachte sie noch sehr lange danach beispielsweise nicht mehr zustande –, die Neuzeit der zweite. Wir erleben gerade nach hoffnungsvollen Anfängen und gediegenen, aber verspäteten Chancen diese zweite Bauchlandung, und deshalb tun wir gut daran, uns mit der ersten zu beschäftigen, damit wir die zweite besser verstehen können.
    Als ich den ›Roten Leitfaden‹ erstmals veröffentlichte, war mir das Monumentalwerk Gibbons zur Spätantike noch unbekannt – natürlich wußte ich, wie so viele Altphilologen, wohl von seiner Existenz, hatte es aber nicht gelesen. Dabei ist es trotz seines hohen Alters mit allen dessen stilistischen und perspektivischen Folgen, an die man sich aber leicht gewöhnen kann, das bei weitem verständigste und seinem Gegenstand angemessenste Werk, das zum Thema jemals erschienen ist bzw. konzipiert wurde. Die einzigartige Fähigkeit dazu verdankt sein Verfasser offensichtlich dem Nachvollzug der Gedanken von Thomas Hobbes; man könnte diese, ginge dessen Werk jemals verloren, in den Grundzügen ohne weiteres aus demjenigen Gibbons rekonstruieren. Daß wiederum dessen besondere Stärke in der Verständlichmachung des Aufkommens des Christentums sowie des Islams liegt, zwei ideologischen Weltverpestungen, deren durchschlagende Wirkung wohl die meisten Bewohner dieses bisher so weitgehend verpfuschten Planeten an sich selbst erfahren konnten, egal ob Mitglieder dieser Religionen oder nicht, wird vielen meiner Leser schon bekannt sein.
    Nun ist offenkundig, daß ich die Geschichtsanalyse von Marx und Engels trotz einiger Detailmängel, die bei keinem großangelegten Pionierwerk ausbleiben können, für den bei weitem leistungsfähigsten Schlüssel zu allen Phänomenen der menschlichen Geschichte halte – d.h. von Autoren, die ohne Wenn und Aber von der allgemeinen menschlichen Freiheitsfähigkeit ausgingen und sich, ob nun zu Recht oder zu Unrecht, die Realisierung und Sicherung dieser Freiheit von dem allgemeinen und gleichen Zugang zu den Produktionsmitteln und daher deren gemeinsamer demokratischer Verwaltung versprachen, während Hobbes dafür bekannt ist, diese Freiheitsfähigkeit zu bestreiten und deshalb Apologet der absoluten Monarchie geworden zu sein, eine Bestreitung, in der ihm Gibbon mit Überzeugung folgt und darum auch nur geborene Privilegierte, Erben oder, immerhin, Professionsträger für glücksfähig, alle anderen Menschen jedoch gerade aufgrund ihrer leicht zu beobachtenden Übersichtslosigkeit für unfähig zur Selbstregierung und daher grundsätzlich zum Unglück verdammt hält, was sich aus der Geschichte illustrieren läßt. Schärfere Gegensätze scheinen kaum denkbar zu sein, und wie läßt sich dann die Wertschätzung beider Autorengruppen in einem Kopf miteinander vereinbaren?!
    Nun, der Gegensatz ist kleiner als er scheint, er hebt sich in jedem Fall gerade unter dem Aspekt der Wahrheit äußerst vorteilhaft von der Verbreitung eines Bildes der besten oder nahezu besten aller Welten ab, wie sie uns bezahlte Ideologen seit den ersten Sätzen der Thora ("und sah, daß es gut war") und ihrem selbstgefälligen Jahwe immer wieder vorgaukeln. Zum Verständnis einer so, wie wir sie vorfinden, allemal schlechten Welt und daher auch Geschichte sind sie alle beide besser geeignet als deren offene oder versteckte Apologie, und so wenig Hobbes oder Gibbon die Produktionsverhältnisse als universalen Schlüssel zu allen Geschichtsphänomenen schon entdeckt hatten, so sehr teilten sie mit den späteren Wissenschaftlern Marx und Engels den Willen zum illusions- und gehorsamslosen Verständnis der Geschichte, und das macht nicht nur ihre Gedanken zu deren Mechanik und Ablauf auf weite Strecken miteinander kompatibel, sondern erklärt auch die Hochachtung, mit der Marx, wenn er ihn erwähnt, stets von Hobbes spricht, den er übrigens, wie seine Spontanübersetzungen des jeweils gleichen Hobbes-Satzes an verschiedenen Stellen seines Gesamtwerks nahelegen, aus dem Kopf zitieren konnte. Worin besteht nun der Verständniszuwachs, den uns der Hobbes-Anhänger Gibbon bei der Betrachtung der Spätantike liefern kann, deren genauere Durchdringung Marx und Engels offenbar versagt blieb, während spätere Autoren, die sich auf sie beriefen, dazu ohnehin kaum in der Lage waren, am wenigsten die unansehnlichen und braven Zwerge auf den Lehrstühlen des Ostblocks? [...]

Auszug aus dem Nachtrag zur Neuauflage von Fritz Erik Hoevels






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