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Arnold Sherman

Arnold Sherman: Zypern - Die gefolterte Insel

Zypern

Die gefolterte Insel

Der griechisch-türkische Zypernkonflikt und seine Hintergründe

Über den Autor

Mit einem Geleitwort von Günter Wallraff
Eingeleitet von Peter Priskil

191 S., 35 Abb., 1 Übersichtskarte, mit Zeittafel, Orts- und Personenregister
EUR 16,-
ISBN: 978-3-89484-811-8
(ISBN-10: 3-89484-811-1)
Erschienen 1999

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Inhalt:
  • Zum Geleit von Günter Wallraff
  • Einleitung von Peter Priskil
  • Der Preis der Staatlichkeit
  • Das Gespenst der Teilung
  • Hellas' langer Schatten
  • Der Coup gegen Zypern
  • Im Zeichen Attilas
  • Die Büchse der Pandora
  • Der »Friedenseinsatz« geht weiter
  • Markt der Sprechblasen
  • Alte Wunden, neue Narben
  • Die dunkle Seite von Nikosia
  • Girnë
  • Epilog
  • Zeittafel
  • Orts- und Personenregister

Vor 25 Jahren stürzte das griechische Obristenregime, eine der finstersten und blutrünstigsten faschistischen Diktaturen in Europa, die Regierung der Republik Zypern in einem Putsch. Kurz darauf überfiel die Türkei die Insel; Tausende von Menschen wurden umgebracht, Zehntausende gefoltert und vergewaltigt, 200.000 griechische Zyprioten vertrieben. Seitdem ist die Insel geteilt.
     Arnold Sherman, der dem deutschen Lesepublikum - sofern es die Sperren der Pressezensur überwinden konnte - bereits durch sein Buch über Die Zerschlagung Jugoslawiens als unbestechlicher Berichterstatter bekannt ist, deckt die Hintergründe des Zypernkonfliktes auf: Die Inselrepublik war ein Bauernopfer des Kalten Kriegs, eine heute bereits vergessene Episode beim Marsch der USA zur uneingeschränkten Weltherrschaft. Die CIA hatte das Faschistenregime in Griechenland an die Macht gebracht; die US-Armee hatte den türkischen Überfall auf Zypern gedeckt, um ein befriedetes Aufmarschgebiet gegen den historischen Todfeind Sowjetunion zu schaffen.
     Der »Ostblock« ist zerschlagen, aber die Insel blieb geteilt. Der nächste Konflikt um Zypern ist vorprogrammiert. In diesem Buch erfährt man die Fakten, die man in der Zeitung vergebens suchen wird.




Zum Geleit


Arnold Sherman, einem Autor, der selbst in verschiedenen Kulturen beheimatet ist, einem praktizierenden, wirklichen Weltbürger, ist etwas äußerst seltenes gelungen: er beschreibt den Zypernkonflikt (um nicht zu sagen die zypriotische Tragödie) zutiefst betroffen, jedoch gleichzeitig sachlich-analytisch und mit erstaunlichem Hintergrund- und Insiderwissen.
     So entsteht eine hochaktuelle Geschichtsschreibung auf dem neuesten Stand: die Menschenrechtsverletzungen der türkischen Okkupanten werden detailgenau und belegbar festgehalten, jedoch auch Greueltaten der EOKA-B an der türkischen Zivilbevölkerung nicht verschwiegen.
     Sherman schreibt aus der Perspektive des unbestechlichen Friedensstifters. Seine Parteinahme ist überparteilich und damit zukunftsweisend. Er steht auf seiten der Opfer und der uralten, unverwechselbaren Kultur dieser Insel, der seine ganze Liebe gilt und die im besetzten türkischen Teil nationalistischer Umsiedlungsinteressen und strategisch-militärischer Ziele wegen für alle Zeiten vernichtet wird.
     Shermans faktenreiches und aufrüttelndes Zypern-Buch sei allen Experten und Politikern als Pflichtlektüre empfohlen, denen an einer wirklichen Lösung des Konflikts gelegen ist; ebenso allen Zypernreisenden als notwendige Ergänzung zum Reiseführer.

Günter Wallraff, im Januar 1999




Einleitung


Am 10. Mai 1974 kettete sich der deutsche Schriftsteller und Publizist Günter Wallraff an einen Lichtmasten in der Athener Innenstadt, auf dem »Platz der Verfassung«, unweit der CIA-Zentrale. Er war als Mitglied des Ausschusses »Griechenlandsolidarität« ins Land gekommen, der sich die Aufgabe gesetzt hatte, das Schicksal einiger der Abertausende aufzuklären, die in den Folterkellern und Konzentrationslagern der griechischen Junta verschwunden waren. Günter Wallraff hatte Flugblätter bei sich, die die Forderung nach Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und Freilassung der politischen Gefangenen enthielten - Forderungen, die bewußt nicht den Rahmen der UN-Menschenrechtscharta sprengten, Forderungen, die sich die USA bei ihrem Kreuzzug gegen die Sowjetunion aufs Panier hefteten. Diese Aktion war nach mehreren Gesprächen mit griechischen Oppositionellen, Angehörigen und Freunden von Verschleppten und Gefolterten, spontan beschlossen worden. Wallraff legte größten Wert darauf, nicht auf Anhieb als Ausländer erkannt zu werden; die Flugblätter waren in Griechisch und Englisch verfaßt. Vor der Aktion hatte er ein paar testamentarische Regelungen hinterlassen.
     Als er sich gerade an den Lichtmast anschloß, überquerte ein junger deutscher Tourist, Mitglied der Jungen Union, den Platz; er hatte Griechenland zum Zwecke einer Studienreise besucht. Er näherte sich dem Schauplatz und sagte: »Sie sind doch der Günter Wallraff«, worauf er die Antwort erhielt: »Bitte das gleich wieder vergessen, ich bin hier ein anonymer Grieche, sonst ist die ganze Aktion gefährdet.« Mittlerweile hatten die ersten Passanten Flugblätter genommen und lasen sie im Weitergehen; einige zerrissen sie, andere blieben stehen, kehrten zurück und wollten mehr Exemplare zum Weiterverteilen. An ihren ängstlichen Gesichtern war zu sehen, wie heikel die Situation war. Schon waren auch die ersten beiden Geheimpolizisten und zwei weitere Polizisten zur Stelle. Einer von ihnen drosch mit einem Totschläger auf Wallraff ein, dann packten sie den Zusammengebrochenen an den Haaren, schlugen seinen Kopf immer wieder gegen eine Betonkante, traten ihm in Nieren, Milz und Magen. Daraufhin schleppten sie den schreienden, blutüberströmten Unbekannten ins berüchtigte Hauptquartier der Sicherheitspolizei, der Asphalia, die sich auf die Verfolgung »subversiver Elemente« spezialisiert hatte. Noch im Treppenhaus wurde er zwei weitere Male zusammengeschlagen und dann zwei Folterspezialisten der Militärpolizei ESA übergeben. Sie begannen sofort und professionell mit ihrer Arbeit, der Falanga, gezielte Schläge mit der Eisenstange auf die Füße, rhythmisch und intermittierend, bis sie platzen, dazu gezielte Karateschläge in Magen und Genitalien. Dazwischen Fragen - Fragen nach Auftraggebern, Namen, Organisationen, Adressen. Wallraff hatte - in Erwartung dieser Torturen, die die Junta stets abstritt, die die Menschenrechtskommission der Europäischen Union allerdings als »übliche Verwaltungsmaßnahme in Griechenland« bezeichnete (1969 schon) - vorsorglich starke schmerzstillende Medikamente eingenommen, die noch nachwirkten. In späteren Tagebuchnotizen hielt er fest: »Es ist nicht allein der Schmerz bei der Folter, der einen fertigmacht. Ausgeliefert der Übermacht dieser entmenschlichten Gewalt, bleibt nichts mehr an Wertmaßstäben, die noch gelten könnten. (...) Während sie mir mit einer Zange einen Zehennagel langsam herausrissen, wurde ich halb ohnmächtig. (...) Während mich zwei Bewacher auf einen Stuhl drückten und festhielten, schlug mir der ESA-Mann immer wieder mit einer Eisenstange auf den Kopf. Er traktierte den Kopf so fanatisch, als ob er die Gedanken, die er darin vermutete, herausdreschen wollte.«
     Als sich die Identität Wallraffs schließlich abzeichnete, wurden die Schergen verunsichert bis panisch; einer meinte, man müsse unbedingt »amerikanische Stellen konsultieren«. Ein Beamter der deutschen Botschaft, der Zugang zu Wallraff erhielt, zeigte sich vom Aussehen des Gefolterten nachhaltig beeindruckt; daß er fortan selbst von Geheimpolizisten beschattet wurde, irritierte ihn, da er »doch nichts Illegales« getan habe. Wallraff wurde in ein Gefängnis verlegt und sammelte dort im Verlauf von ungefähr zwei Monaten viele Kassiber seiner Mitgefangenen, die ihm von ähnlichen und noch viel sadistischeren Folterpraktiken berichteten.
     Als der Inhaftierte nach Wochen der Quälerei, der Einschüchterung und Demütigung - die jedoch nicht das Ausmaß an Brutalität erreichten, mit der man seine griechischen Mitgefangenen zu brechen versuchte - vor das Militärgericht gestellt wurde, waren die Vorfälle bereits international bekanntgeworden. Der Angeklagte beschrieb seinen ersten Eindruck beim Betreten des Gerichtssaals folgendermaßen: »Die Deutsche Welle hat über Ort und Zeitpunkt des Prozesses informiert. Ein gutes Dutzend Journalisten auf den Pressebänken. Die deutschen Kollegen sitzen da wie artige Schüler. Keiner wagt zu mir herüberzusehen oder mich gar zu begrüßen.«
     Diese Leute kannten nämlich ihren Auftrag: Von ihnen wurde erwartet, über das Folteropfer und die Hintergründe seiner Mißhandlung Lügen zu verbreiten, mit Unterlassungen zu arbeiten, Verdrehungen zu fabrizieren, tendenziöse Unterstellungen hinauszuposaunen. Was war ein Wallraff gegen die NATO? Und genau darum ging es ja: Man durfte die Südostflanke der »freien Welt« nicht wegen eines einzelnen Spinners schwächen, man mußte in Treue fest zum großen Bruder stehen, in dessen Händen die Fäden zusammenliefen, der mit den Foltergenerälen als seinen Puppen spielte. Bloß keine Wellen schlagen! Was ist ein Körnchen Wahrheit gegen das nächste Monatsgehalt? Und so schrieben die käuflichen Diener ihre Berichte, während sie sich duckten vor der Größe ihres Herrn, der da sitzt in Washington und wird herrschen immerdar. Während Wallraff auf das Folterbrett der faschistischen Junta gespannt worden war, boten die deutschen Journalisten sich Uncle Sam zu einem Dumpingpreis an: kein Wort von Wallraffs Folterungen, das war das Wichtigste und wurde durchgehend eingehalten. Aber auch ein Knecht hat seine Phantasien und Einfälle, wenn im Hintergrund die Peitsche knallt: Warum Wallraff nicht auf dem Roten Platz in Moskau demonstriert habe? hechelte es hündisch. Was er mit dieser »Schnapsidee« bezwecken wollte? kläffte es schon frecher. Was das »Happening in Athen« eigentlich gebracht habe, fragte einer, der das Einschlagen eines Schädels offensichtlich als Kunstform betrachtete, während ein anderer Schöngeist rätselte, weshalb ein Deutscher »ausgerechnet wie weiland Lord Byron nach Athen fahren muß, wenn es ihn gelüstet, für freie Wahlen, Pressefreiheit und die Freilassung politischer Häftlinge zu demonstrieren«. Damit genug - es soll hier nicht der Verdacht aufkommen, man wolle an Werte wie Sittlichkeit, Achtung sich selbst und anderen gegenüber, Würde und Wahrheitsliebe bei routinierten Prostituierten der Macht appellieren.
     Einer Person sollte in diesem Zusammenhang allerdings noch gedacht werden: dem christlich-konservativen Studenten, der zufällig Augenzeuge von Wallraffs Mißhandlung auf dem Athener Platz der Verfassung geworden war. Als die deutsche Presse ihre Jauchekübel über Wallraff ausschüttete, schrieb er einen Leserbrief an den 'Kölner Stadtanzeiger', der mit den Worten endete: »Man kann sich gar nicht vorstellen, wie bedrückend es ist, in einem Land zu sein, dessen faschistische Regierung die intellektuelle Freiheit eines jeden Menschen mit solchen grausamen Mitteln zu unterbinden sucht. Ich werde dieses Land jedenfalls nicht mehr betreten. - Ralf Rizzi, Mitglied der Jungen Union.« Was für ein Ehrenmann! Es waren eben doch noch bessere Zeiten ...

*

Die geschilderten Ereignisse, die in einem Dokumentarband genauer nachgelesen werden können 1), fanden unmittelbar vor den Geschehnissen statt, die im Mittelpunkt des vorliegenden Buches von Arnold Sherman stehen: die türkische Invasion der Insel Zypern und die Hintergründe, die zur Zerschlagung eines selbständigen Staates und zu seiner Teilung führten, die bis heute anhält. Eine der wichtigsten Ursachen dieser Tragödie eines kleinen Volkes mitten in Europa war die durch einen Putsch griechischer Generäle 1967 installierte faschistische Militärdiktatur, die Wallraff so couragiert zu entlarven suchte. Eine treffende atmosphärische Wiedergabe jener Tage findet man in dem Film »Z« von Costa Gavras. Mit einem Schlag waren, wie bei Hitlers Machtergreifung, sämtliche Grundrechte liquidiert. Massenverhaftungen fanden statt - bis zu Wallraffs Aktion wurden über 150.000 Menschen inhaftiert -; Kommunisten, Sozialisten und Liberale wurden zu Zehntausenden in die Konzentrationslager, z.B. auf der vegetationslosen Insel Jaros, deportiert. Wie die Nazis hatten die Generäle schwarze Listen vorbereitet; wie Hitler gaben sie vor, einem »kommunistischen Aufstand« zuvorkommen zu wollen, wie Hitler kündigten sie an, mit dem »Geist der Gosse« aufzuräumen. Die griechischen Gesetze aus der Zeit der Nazi-Okkupation, der finstersten Zeit Griechenlands seit der osmanischen Herrschaft, traten wieder in Kraft. Männer durften keine langen Haare, Frauen keine Miniröcke tragen. Studenten mußten am Sonntag die Gottesdienste besuchen. Jeder Schriftverkehr wurde zensiert, Wahlen und Streiks verboten, Sondergerichte eingesetzt. »Die Gesetze schlafen«, sagten die Obristen, und die Demokratie sei »in Gips gelegt«.
     Die griechischen Faschisten, die vorgaben, »nur noch Griechen« zu kennen und ausschließlich zum Nutzen ihres Landes zu handeln, agierten indessen - im Gegensatz zu Hitler - im Auftrag einer fremden Nation: den USA. Diese hatten nach gewonnenem 2. Weltkrieg das britische Kolonialerbe angetreten und damit auch dessen Probleme übernommen - in Griechenland eine traditionell starke Linke, die sich in den Partisanenkämpfen gegen die deutsche Wehrmacht hervorragend bewährt hatte und in der griechischen Bevölkerung ein entsprechend großes Ansehen genoß. Es bedurfte dreier Jahre erbitterten Bürgerkriegs, bis die griechische Linke besiegt und von einer wiedereingeführten Monarchie mühsam niedergehalten werden konnte. Zwar waren die oppositionellen fortschrittlichen Kräfte vor dem faschistischen Putsch zersplittert und weit von einer Machtübernahme entfernt, aber dennoch stark genug, um einen beständigen Störfaktor darzustellen. Den konnten die USA aber nicht brauchen in einem Land, das direkt an den feindlichen Militärblock Warschauer Pakt grenzte, zu einem Zeitpunkt, als ihre Invasionsarmeen in den Dschungeln Vietnams feststeckten und verbluteten, als die antiimperialistischen Bewegungen rund um die Welt an Stärke zunahmen und bei der eigenen Jugend zum Teil auf Sympathie stießen. Es war die Zeit des Kalten Krieges, der sich jederzeit in einen heißen, atomaren Konflikt verwandeln konnte, und es war bei weitem noch nicht klar, wie er ausgehen würde. Es galt also zu handeln. Seit der Ausrottung der Indianer hatte man ganz konkrete Vorstellungen entwickelt, wie solche Probleme zu lösen seien. Man exerzierte es in Hiroshima, in Mittel- und Südamerika, im Koreakrieg, in Vietnam, in Kuba, aber es klappte durchaus nicht immer. Und nun machte da ein winziges Land Zicken, ein vorlauter Zwerg, der sich damit brüstete, 2000 Jahre vor Benjamin Franklin die Demokratie nicht nur erfunden, sondern auch noch praktiziert zu haben ...
     Man sollte den USA jedoch Gerechtigkeit widerfahren lassen: Sie sind Pragmatiker der Macht und als solche keineswegs - aus Mentalitäts- oder sonstigen mystischen Gründen - auf blutrünstige, kostspielige und riskante Diktaturen abonniert. Wenn es anders geht, um so besser. In Westeuropa reicht es, die Presse und die Parteien zu kontrollieren und immer ein wenig Militärpräsenz zu zeigen. Und genau dies hatte die CIA, die in Athen vor dem Putsch eine ihrer wichtigsten Filialen in Europa mit 200 Mitarbeitern unterhielt, auch versucht. Sie war an den populären griechischen Politiker Andreas Papandreou herangetreten und hatte ihm folgenden Vorschlag unterbreitet: Um die griechische Parteienvielfalt besser in den Griff zu bekommen, solle man sie in eine nationalistische (Militär, Klerus, Monarchie) und eine nicht-nationalistische Kategorie (Kommunisten, Sozialisten, Liberale) einordnen. Bei den Wahlen könne jede dieser Parteien unabhängig kandidieren, dann würden die Stimmen allerdings nach Blöcken ausgezählt, und nur die Parteien des siegreichen Blocks seien im Parlament vertreten, während der unterlegene Block leer ausgehe. Auf dieses durchaus unsittliche Angebot in einem Land, das zu Recht darauf stolz ist, Wiege der Demokratie zu sein - sie wäre damit in einem kalten Staatsstreich zugunsten eines verschärften Mehrheitswahlrechts abgeschafft worden -, entgegnete Papandreou, man habe Achtung vor dem demokratischen System. Daraufhin sprang sein Gegenüber, der damalige CIA-Chef in Griechenland Loughlin Campbell, wutentbrannt auf, zeigte mit dem Finger auf ihn und erwiderte scharf: »Sagen Sie Ihrem Vater, wir werden bekommen, was wir wollen.« 2)
     Und sie bekamen, was sie wollten: durch den faschistischen Militärputsch, als deren Hintermänner und Drahtzieher sie fungierten. Vorrangigste Ziele waren die Abschaffung der Grundrechte und die Beseitigung der »subversiven Elemente«, die man in Konzentrationslagern zusammenpferchte. Bei alledem hatten die Auftraggeber jedoch nicht ihre Art von Herrenwitz verloren, wie aus der folgenden Anekdote hervorgeht: Als der US-Botschafter Phillips Talbot nach dem Putsch gelegentlich einer Party bemerkte, der Staatsstreich komme einer »Vergewaltigung der Demokratie« gleich, konterte sein Gesprächspartner, der seinerzeitige Chef der CIA-Dienststelle in Athen John Maury: »Wie kann man denn eine Hure vergewaltigen?« 3)
     Von nun an wurde in den Räumen der griechischen Militärpolizei, in den Kellern der Sicherheitspolizei, in den Konzentrationslagern der Obristen nach den Handbüchern der US-Armee gefoltert. Ja, die Schergen, die ihre Opfer zu Brei schlugen, ihnen die Zähne ausbrachen, sie mit Elektroschocks traktierten, den Frauen Polizeiknüppel in Vagina und Anus steckten, diese Schergen waren sich der Rückendeckung durch die USA so sicher, daß sie ihren halb ohnmächtigen, verzweifelten Opfern die letzte Hoffnung auf öffentlichen Protest gegen ihre Mißhandlung auf folgende Weise zu nehmen hofften: »... du bist wirklich lächerlich. Die Welt besteht aus zwei Blöcken - Amerika und Rußland, nichts anderes. Und wir? Was sind wir? Amerikaner! Paß auf, hinter mir steht die Regierung, hinter der Regierung steht die NATO, hinter der NATO steht Amerika. Begreifst du jetzt, daß uns hier nichts und niemand erschüttern kann? Wir sind Amerikaner. Gottseidank sind wir es, denn wenn sie dich jetzt in Bulgarien oder Rumänien geschnappt hätten, wärst du liquidiert worden. Du kannst froh sein, daß du in unseren Händen bist.« Diese wahrhaft Orwell'sche Passage findet sich in dem wohl beklemmendsten und erschütterndsten Bericht eines Folteropfers der griechischen Junta, der in politischer wie in psychologischer Hinsicht gleichermaßen interessant ist und wohl aus genau diesem Grund nicht mehr aufgelegt wird. 4) Vor diesem Hintergrund wird die Begeisterung der Griechen für Wallraffs gefährliche, selbstlose Aktion nur noch verständlicher: Er lüftete den bleiernen Sargdeckel, unter dem meist namenlose, junge Opfer, willkürlich von der Straße oder aus der Wohnung wegverhaftet, zu ersticken drohten.
     Es sei mir in diesem Zusammenhang gestattet, auf ein persönliches Erlebnis zu sprechen zu kommen, das näher an das Thema dieses Buches, den Zypernkonflikt vor einem Vierteljahrhundert, heranführt und das mir erst bei der Lektüre von Arnold Shermans Text wieder ganz ins Gedächtnis getreten ist. Es ist ein Bericht von der anderen Seite der Front.
     Zu jenem Zeitpunkt, als die türkischen Invasionstruppen in Zypern einfielen, leistete ich als Rekrut meinen Wehrdienst bei einer Kampfeinheit der Bundeswehr ab. Von den, wie ich mich zu erinnern vermeine, acht Stufen des NATO-Alarms war ständig Stufe vier oder fünf. Das bedeutete: Neben dem Tagesdienst konnte immer der Befehl kommen - und er kam oft -, den gesamten Inhalt des Spinds - Uniformen, Schuhe, persönliche Ausrüstung - transportfertig in einen Sack zu verpacken und auf einem Lastwagen zu verstauen. Nachts ständige Alarme, aufstehen, anziehen, raus, Appell, dann Bettruhe in Kampfmontur. Kaserniert, wie wir waren, abgeschnitten von jeder Informationsmöglichkeit, und unpolitisch, wie wir waren, hatten wir keine Ahnung, was da eigentlich vor sich ging. Aber wir spürten, daß es allmählich ernst wurde. Nun saßen wir schon nachts in den Panzern, mit laufendem Motor und griffbereiter Gefechtsmunition, und warteten auf den Abmarschbefehl in ein nahe gelegenes Übungsgebiet. Eines Morgens, als wir nach dem Weckappell übernächtigt in den Waschsaal taumelten, war der Fußboden zu unserer nicht geringen Überraschung mit Flugblättern übersät. Darauf war zu lesen, man solle rote Soldatenzellen, Soldatenräte oder ähnliches bilden. Nun ja, man steckte das Ding weg und putzte sich die Zähne, zum Lesen war vielleicht beim Frühstück noch Zeit genug. Aber zwei Streber mit schwerem Drall zum Denunziantentum eilten mit ihren Exemplaren zum Sicherheitsoffizier des Bataillons, einem etwas zu kurz gewachsenen, dafür um so schneidigeren Oberleutnant und Fallschirmspringer, den wir in der Truppe den Giftzwerg nannten. Der saß zu dieser Zeit schon in seinem Sessel, die Stoppuhr in der Hand, um zu überprüfen, wie die Resistenz der Truppe gegen Wehrkraftzersetzung sich in Sekunden rechnet: Er hatte nämlich in der Nacht die Flugblätter ausgelegt, um unsere auf dem Boden der fdGO gewachsene innere Sicherheit zu checken und unsere Moral gegenüber dem ideologischen und militärischen Todfeind zu testen. Natürlich fiel das Ergebnis in seinen Augen verheerend aus; die Nachtalarme und Kampfübungen häuften sich.
     Mittlerweile kreisten in der Kompanie Gerüchte, wir würden an die tschechoslowakische Grenze verlegt, wie es seinerzeit beim sowjetischen Einmarsch in die CSSR tatsächlich geschehen war. Natürlich hatten wir Angst; der Warschauer Pakt stand in dem begründeten Verdacht, zurückzuschießen, wenn er angegriffen wurde. Und das wäre kein Zuckerschlecken gewesen wie heute, wo man verteidigungsunfähige Serben oder Iraker aus sicherer Distanz wie Karnickel abknallen kann. Wenn wir nun mit den motorisierten Einheiten durch die Stadt fuhren, spähte ich in die Gesichter der Passanten, ob sich in ihnen Kriegsfurcht spiegelte. Nichts. Oder wußten sie einfach nicht, was los war? Von meinem spärlichen Sold - fünf Mark war die Taglöhnung - hatte ich hundert Mark beiseite gelegt, die ich beständig bei mir trug. Sobald der Marschbefehl in Richtung Tschechoslowakei eintraf, sollte dies, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit, mein Startkapital für die Desertion in Richtung Österreich sein, ein Land, das der NATO wenigstens formell nicht angehörte und somit einen schwachen Hoffnungsschimmer darstellte. Natürlich hielt ich meine Absichten geheim. Andere sprachen davon, im »Fall der Fälle« den übelsten Schleifern ein Ding zu verpassen; der Fachbegriff friendly fire war uns damals noch nicht geläufig.
     Bei einem dieser Nachtalarme mit anschließendem Appell schnarrte der Giftzwerg, die Lage sei noch nie so ernst gewesen wie jetzt, denn die Rote Flotte konzentriere sich im Mittelmeer. Was wußten wir schon? Wir wußten jedenfalls nicht, daß sich dort unten, im Mare Nostrum der Amerikaner, etwas ganz anderes konzentrierte, nämlich die Sechste Flotte der US-Navy, mit dem einzigen Befehl, dem türkischen Vormarsch auf Zypern Rückendeckung zu geben, sicherzustellen, daß die türkische Soldateska die griechischen Zyprioten abschlachten, Frauen vergewaltigen und Zehntausende vor sich her in den Süden der Insel treiben konnte. Wir wußten nichts vom perfiden Spiel der amerikanischen Strategen, die sich beim Hauskrach der NATO zwischen den bösen Buben Griechenland und Türkei, den griechischen Faschisten und den türkischen Nationalisten, auf die Seite der letzteren stellten, denn sie waren der stärkere und wichtigere Part im zukünftigen Krieg gegen die Sowjetunion. Wir wußten nicht, daß unser Beitrag bei diesem schändlichen Unternehmen darin bestehen sollte, dem russischen Bären eins auf den Pelz zu brennen, falls er sich unterstehen sollte, für die zypriotische Selbständigkeit, für Leben und Besitz der griechischen Zyprioten einzutreten. Was für eine dämliche Angelegenheit wäre es gewesen, für eine solche Ungerechtigkeit sein eigenes Leben in die Schanze zu werfen ...
     Diese Zusammenhänge habe ich in vollem Umfang erstmals bei der Lektüre von Arnold Shermans Text begriffen, und dafür bin ich ihm dankbar.

*

Der Kalte Krieg ist seit zehn Jahren vorbei. Die Sowjetunion ist mit einem Winseln statt mit einem Knall untergegangen, zerstört und in Stücke gehackt. Die zypriotische Tragödie währt schon ein Vierteljahrhundert, und niemand scheint es groß zu kümmern. Tatsächlich niemand?
     Über der gefolterten Insel, die einem temporären Kalkül der USA geopfert wurde, ballen sich die nächsten Wolken zusammen. Denn die USA als uneingeschränkter Beherrscher der Welt trachten nun danach, die Früchte ihres epochalen Sieges einzufahren, und dabei ist das NATO-Land Türkei ein Trumpfas im Ärmel des Weltherrschers oder - um die martialischeren Begriffe aus der Zeit des Kalten Krieges zu verwenden - die Speerspitze, die gegen die weiche Flanke der zerfallenen Sowjetunion gerichtet ist. Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Aserbeidschan sind moslemische Staaten, auf die die türkischen Reaktionäre schon lange ein begehrliches Auge geworfen haben, und es sind - Ölländer. Dem Hund den Knochen, dem Herrn den Speck: das dürfte das Kalkül Amerikas sein, wenn es im nächsten Konflikt um Zypern, der sich zwischen Griechenland und der Türkei abzeichnet, Partei zu ergreifen gilt. Kein Zweifel, der US-Imperialismus wird auf die Türkei setzen und auf sein Verbrechen vor 25 Jahren das nächste folgen lassen. Das Schicksal des kleinen Zypern wird wie das Martyrium des serbischen oder irakischen Volkes dabei ohne Belang sein. Es ist eben diese Obszönität des menschenverachtenden Kalküls, die das vorliegende Buch so aktuell macht. Bleibt zu hoffen, daß aus einer Kritik weniger die Kritik vieler weltweit wird und daß aus der Waffe der Kritik eines Tages die Kritik der Waffe wird, die einem solchen Treiben Einhalt gebietet.

Bleibt als editorische Pflicht, darauf zu verweisen, daß in einer Synopse im Anhang dieses Buches ein Überblick über die Geschichte der jahrhundertelangen Feindseligkeiten zwischen der Türkei und Griechenland gegeben wird.

Peter Priskil, im November 1998



Fußnoten:

1) Günter Wallraff/Eckart Spoo, Unser Faschismus nebenan. Griechenland gestern - ein Lehrstück für morgen, Köln 1975.

2) Nachzulesen in: Stephen Rousseas, Militärputsch in Griechenland, oder: Im Hintergrund der CIA, Hamburg 1968, S. 22 ff.

3) Yiannis Roubatis und Karen Wynn, CIA-Operationen in Griechenland, in: Philippe Agee und Louis Wolf (Hg.), Die CIA in Westeuropa, Berlin (DDR) 1981, S. 106.

4) Periklis Korovessis, Die Menschenwärter [Originaltitel: Anthropophylakes], München 1976.




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